Wir sind doch nur süße, kleine Fußball-Dummchen

„Wollt ihr nicht mal was über die Hintern der Nationalspieler schreiben?“ Zu EM-Zeiten haben wir Frauenbloggerinnen kein leichtes Leben. Man erwartet von uns, dass wir mit Witz das Wort ergreifen, uns dezent und charmant einmischen, uns genüsslich, aber nie nie nie ernsthaft über Fußball auslassen. Bloß nicht!

Wir haben eine Rolle zu spielen: die der amüsanten, aber naiven Fußball-Beobachterin. Wir interessieren uns nur für das Aussehen von Manuel und Co. Von Sport haben wir keine Ahnung. Wenn wir doch eine haben, müssen wir so tun, als hätten wir all unser Wissen plötzlich, quasi über Nacht, vergessen. Blackout.

Schon als ich ein kleines Mädchen beim Bolzen ein Tor schoss, schwante mir, wie mein Fußball-Leben weitergehen würde. Das Turnier auf dem zerpflückten Rasen in meinem Heimatdorf lief nämlich so ab: Mein Team (Bruder, Kumpel, Sandkasten-Liebe) war in der Unterzahl. Dennoch lagen wir vorne. Das grämte Mike, Steven, Henner und Florian schon ziemlich. Als ich (zehn Jahre, keine Fußballschuhe) dann aber auch ein Tor schoss, war Holland in Not: Mit einer Riesenfläppe räumte mein Duellant Mike augenblicklich den Platz. Ich war verdattert, doch meine Sandkasten-Liebe hatte den Durchblick: „Der ist sauer, weil jetzt auch noch ein Mädchen ein Tor geschossen hat.“ Ach so. Ich verstand die Welt nicht mehr. War Tore schießen und gewinnen denn nicht das Ziel des Spiels?

Das Leben wurde nicht unkomplizierter. Erst letztens passierte es mal wieder auf einer Party, dass ich dabeistand, als Männer über Fußball sprachen. Ist ja bei der Dichte an Fußball-Fachsimpeleien in unserem EM-geilen Land nicht immer so leicht zu verhindern, dass man diese Gespräche mitbekommt. Auch wenn sie nicht für Frauen-Ohren bestimmt sind. Da ich mich auf Feiern gerne ins Gespräch einklinke, gab ich meinen Kommentar dazu ab und half kurz mit einem Trainer-Namen („Mönchengladbach? Das ist doch der Schubert“) aus, der den beiden gerade nicht über die Lippen kommen wollte. Was für ein Faux-pas! Die gestandenen Männer schauten mich entsetzt an, als hätte ich gerade ein Eigentor geschossen. Dann setzten ihre Zwiesprache fort, mich fortan vollständig ignorierend. Fußball-Wissen aus Frauen-Mund muss so dermaßen unsexy und abstoßend, ja verstörend, sein!

Woran liegt es nur? Ich vermute: Fußball ist für viele Männer alles und das einzige, was sie nur für sich haben. Wo keine redselige Freundin sich einmischt. Wo keine noch so unternehmungslustige Ehefrau mit hin will. Wo unsere Kerle, wenn alles gut läuft, mal unter sich sind. Wir Mädels haben Strickzirkel, Poolparty und Frauensauna – die Jungs haben Bundesliga, Champions League und Fußball-EM. Und genau da liegt der Hase im Pfeffer begraben: Zum Strickzirkel will sowieso kein Typ und das ganze läuft in privater, illustrer Runde ab. Fußball aber interessiert heutzutage jeden und jede – und ist ein öffentliches Spektakel.

Young woman doing handstand on football ground, Bavaria, Germany mit_2003_03952 Young Woman Doing Handstands ON Football Ground Bavaria Germany mit_2003_03952

So trifft es sich auch, dass es immer einige Ladys gibt, die zwar die Abseits-Regelung nicht perfekt erklären können, sich aber trotzdem eine eigene Meinung zum Spiel erlauben. Zu Recht. Warum sollten wir nur schauen und schweigen? Ich sage mal, auch wir haben in den letzten Jahren gelebt und der Ball ist nicht an uns vorbeigerollt. Manche Frauen kennen natürlich auch die Spielregeln in- und auswendig. Weil sie aus einer Fußball-begeisterten Familie kommen, selbst spielen oder den Sport einfach spannend finden. So ist das und zwar schon seit Jahrzehnten. Trotzdem erwarten viele Männer und auch manche Frauen von uns nicht mehr als lustige, unterhaltsame Statements zur EM. Zugegeben, ein bisschen spielen wir auch dieses Spiel mit, weil wir ja mit Amüsement und Selbstironie kein Problem haben. Aber das ist längst kein Grund, uns – ein paar Sportreporterinnen ausgenommen – nur Trikot-Lästereien oder Sportlerkörper-Schwärmereien zuzutrauen.

Das Paradoxe ist ja auch: Mann kann nicht ganz auf uns verzichten. Als Public-Viewing-Begleitung taugen wir, wenn wir uns hübsch machen und die Klappe halten. Oder wenn wir nette, ahnungslose Kommentare von uns geben. Dann können sich all die 39 Millionen Bundestrainer belustigt über uns erheben. Auch in der Halbzeitpause sind wir durchaus gefragt. Süß und dumm geht immer. Aber nicht mit mir! Ich gebe zu, ich bin keine Expertin und kommuniziere nun mal, wie eine Frau kommuniziert – laut und emotional, bisweilen etwas durcheinander und unlogisch. Auch was Fußball angeht. Aber der „Kicker“ zur EM liegt wie eine Bibel auf meinem Wohnzimmertisch und spätestens gegen Nordirland beim Public Viewing in der Wallstraße rede ich wieder mit – und zwar lang & schmutzig.

Bilder: dpa, Imago