Urlaubsfotos, die niemand sehen will

Die perfekte Welle. Der perfekte Strand. Der perfekte Sonnenuntergang. Urlaubsfotos in Hülle und Fülle rauschen zurzeit durch Facebook- und Instagram-Timelines. Egal, wo die Leute unterwegs sind: Sie erleben den perfekten Bilderbuchurlaub. Alle – bis auf meine Freundin Susanne.

An einem heißen Sommerabend lud sie die Mädelsclique auf ihren Balkon ein. Es gab Bowle und Bilder. Jede Menge Fotos aus Marrakesch, die Susanne eigentlich gar nicht zeigen wollte. Nein, sie wollte nicht nerven! Aber die Mädels bettelten drum, erhofften sich Bilder von Basaren, Gewürzen, Gewändern. Die gab es auch, nicht zu knapp. Susanne war begeistert, sie hatte sich in dieses Land verliebt, das zunächst so fremd war und dann immer vertrauter wurde.

Voller Empörung

Es gab die zauberhaften Bilder, nach denen jede von uns gierte. Aber es gab auch andere. Der Pferdekopf, der auf dem Lebensmittel-Basar feilgeboten wurde. Die Arbeiter, die in den Gerbereien neben Becken mit Farbe und Taubenkot standen. Die Baracken, in denen die vielen armen Menschen in den Wüstendörfern leben. Es waren Bilder, die wir so nicht erwartet hatten und die einige von uns aufschreien ließen. Vor Empörung. Vor Ekel. Vor Verachtung.

Mein „Das ist doch spannend“ ging in einem akustischen Shitstorm unter:

„Das ist ja widerlich.“ – „Wie können die so leben.“ – „Nein, in solch ein Land sollte man nicht reisen. Das sollte man nicht unterstützen.“

Bedröppelt saß Susanne auf ihrem Gartenstuhl und klappte ihren Laptop zu. Ende der „Dia-Show“. Schade, ich hätte gerne mehr gesehen.

Unbeliebte Wahrheit

Bei all den umwerfenden Urlaubsbildern können viele die Wahrheit nicht mehr ertragen. „So ist das Leben dort halt“, versuchte ich Susannes ungeschönte Bilder zu verteidigen. Vergeblich. Alles führte zu der Frage, ob man in ein Land reisen dürfte, in dem Frauen immer noch benachteiligt werden, in dem Homosexualität nicht frei gelebt und sogar bestraft werden kann. Darf man solch ein System unterstützen? Sicher, darüber kann man diskutieren.

Ich denke aber schon, dass man auch in diese Länder reisen kann und sollte. Denn was man dort lernt: Überall leben Menschen, die zwar einen anderen kulturellen Hintergrund haben. Wie sie denken, was sie fühlen, was sie sich wünschen, ist aber oft gar nicht so weit entfernt von den eigenen Gedanken, Gefühlen und Träumen. Man versteht sich, weil man etwas Ähnliches erlebt, die gleichen Interessen oder den gleichen Humor hat. Es ist richtig, ein politisches System, in dem die Meinungsfreiheit eingeschränkt ist, kritisch zu sehen. Es wäre aber schade, die Menschen in solch einem Land gar nicht kennenzulernen und ihre Perspektiven nie aus ihrem Mund zu hören.

Ein anderes Leben

Im Urlaub auf der perfekten Welle zu surfen und am perfekten Strand spazieren zu gehen, ist wunderschön. Aber es sollte doch erlaubt sein, in unserer bunten Instagram-Filter-Welt auch noch einmal andere Bilder zu zeigen und andere Geschichten zu erzählen – aus einem Leben, das uns so viel beibringt, weil es ganz anders als das unsrige ist.

 

Fotos: Imago