Unterwerfung – oder: Vom Liebhaber, der zum Diktator wurde

Ich traue meinen Augen nicht, als Andrea mir ihr Smartphone-Display hinhält. Wir sitzen auf meinem Balkon in der Frühlingssonne. „Schau mal hier, voll irre!“, sagt sie, und ich lese die Nachricht, die sie über irgendein Flirt-Portal von Kalle, 37, Lehrer, bekommen hat. „Suche intelligente, liebevolle Partnerin, sportlich und kunstinteressiert, die in einer Beziehung gerne den untergeordneten Part übernimmt.“

Sofort denke ich an den Thriller, den ich gerade lese – eine wirkliche bösartige Story. Darin sucht sich ein Mann junge Frauen als Opfer, um sie zu kontrollieren, zu quälen und schließlich zu töten. Die Auserwählten werden gezwungen.

Nun aber Freiwillige vor: Dieser Kalle sucht eine Frau, die damit leben will oder kann, dass jemand Kontrolle auf sie ausübt. Sicher hat er nicht so perfide Pläne wie der Typ in meinem Thriller. Spätestens seit „Fifty Shades of Grey“ ist das Thema Unterwerfung in Beziehungen ja salonfähig, wie man so schön sagt.

Aber was ist mit der Seele? Überlebt sie es, wenn man sich einem Menschen unterwirft?

Andrea schüttelt den Kopf. „Ich hab mal einen Mann kennengelernt, der mich beherrschen wollte“, sagt sie, zögerlich, nachdenklich, ein wenig beschämt. Zunächst wollte er sie in vermeintlichen Kleinigkeiten dominieren. „Er wollte mir vorschreiben, was ich anziehen sollte, was ich essen sollte, mit wem ich ausgehen dürfte, wie viel Geld ich ausgeben könnte. Er hatte sehr genaue Vorstellungen.“

Und sie? Hatte nichts zu melden. Er legte fest, was er und Andrea unternahmen. Getan wurde, wozu er Lust hatte. Und wann er dazu Lust hatte. Partys, Babys, Urlaube, Krankheit, der Tod eines geliebten Menschen: Was bei ihr, ihrer Familie oder ihren Freunden gerade wichtig war, spielte kaum eine Rolle. Er stellte die Regeln auf. Es ging um seine Ansichten, Visionen und Befindlichkeiten. Immer.

„Nach ein paar Wochen war Schluss“, sagt Andrea. Doch nicht, weil ihr „Freund“ nicht mehr wollte. „Man hätte ja denken könne, dass ihm das schnell langweilig wird.“ Wenn jemand die ganze Zeit macht, was er will, passiert nichts Spontanes, Unvorhergesehenes, Überraschendes mehr. Gänsehaut-Momente bleiben aus.

Aber im Gegenteil: Er hatte sich wunderbar in der Beziehung eingerichtet, wollte immer noch mehr Kontrolle über sie ausüben.

„Erst habe ich das gar nicht so gemerkt“, sagt Andrea. „Es war so ein schleichender Übergang.“ Dann aber das Schlüsselerlebnis: Andreas Bruder kam für mehrere Tage zu Besuch – und öffnete ihr die Augen. Noch am ersten Abend knallte es. „Hast du eigentlich noch eine eigene Meinung? Oder machst du jetzt nur noch, was der Kontrollfreak sagt?“, warf er Andrea an den Kopf. So kam meine so großherzige Freundin ins Grübeln. War sie nicht längst zur Untermieterin in ihrem eigenen Leben geworden?

Von Frauen, die es selbst so wollen

Bei herrlichstem Frühlingswetter beschäftigen wir uns mit dunklen Themen – Macht, Manipulation, Erniedrigung. Ich googele. Im Netz propagieren doch tatsächlich viele Frauen traditionelle Rollenverteilungen, vertreten gar die Theorie, dass eine Beziehung am besten läuft, wenn die Frau sich unterordnet. Sie hätten alles schon ausprobiert, aber nur so funktioniere es mit den Männern. Kaum zu glauben.

„Ich war nicht mehr ich“, widerspricht Andrea den Internet-Meinungen. Sie habe nur noch eine Rolle gespielt in dem Leben eines anderen. Sich selbst hatte sie vorübergehend verloren. Darum die Trennung.

Seitdem gilt für sie: „Man begibt sich nicht in die Fänge eines anderen Menschen.“

 

Noch mehr von Bonny & Claudia:

Claudia: Trennung – „Du kannst doch gar nicht ohne mich leben“

Bonny: Eiskalter Einbruch in Bonnys Seele -So reagiert man bei Ghosting

 

(Bilder: Imago)