Und Bonnys frostiges Anti-X-Mas-Herz schmilzt nur so dahin

Nur noch ein Tag bis Weihnachten, und viele Leute sind vollgestopft bis obenhin. Nein, nicht nur mit Vanillekipferln, sondern mit romantischen Gefühlen. Das ist auch der Grund, warum andere Leute diese Zeit verfluchen.

Ihnen sind all diese saisonbedingten Gefühlsduseleien zuviel – weil sie gerade herausgefunden haben, dass sie monatelang betrogen wurden. Weil der tolle Kerl, den sie heimlich verehren, sie noch nicht einmal anschaut. Weil sie mit ihrem Partner so viel streiten, dass alles furchtbar mühsam ist und keinen Sinn mehr zu haben scheint.

Ich erinnere mich an eine Situation vor ein paar Jahren. Ich war gerade frisch getrennt und im überfüllten Zug unterwegs zum Fest bei der Familie. „Driving home for Christmas“ hatte ich mir irgendwie fröhlicher vorgestellt. Eine Frau in meinem Alter kämpfte mit ähnlichen Sorgen – und zwar lautstark, vor allen Leuten im Waggon: Sie telefonierte mit ihrem sie stalkenden Ex-Freund. Dauernd klingelte das Telefon, obwohl sie längst gesagt hatte, er solle sie doch endlich in Ruhe lassen. Als sie das Handy schließlich abschaltete, um dem Psychokrieg den Garaus zu machen, entschuldigte sie sich bei mir.

„Kein Problem“, sagte ich voller Verständnis. So kamen wir zwei Leidgeprüften ins Gespräch – und stellten fest, dass uns noch ein zweites, praktisches Problem plagte: Wir hatten beide zu viel Gepäck (Reisetasche, Rucksack, Tüte mit Weihnachtsgeschenken), um allein zu reisen. Weil wir aber die gleichen Umsteigebahnhöfe hatten, beschlossen wir, uns zu helfen. Wir schleppten und drängelten also gemeinsam. Vom Zug, über das Gleis, treppab, treppauf, zum neuen Zug.

Ein riesiger Trost war das – gab es doch noch jemanden, für den das Weihnachtsfest eine Trauerveranstaltung sein würde. Als wir uns verabschiedeten, umarmten wir uns und beschlossen, dass wir uns Weihnachten trotz hässlichen Hinterher-Tretens und hemmungsloser Hasstiraden nicht unterkriegen lassen würden. Und dass das neue Jahr besser würde (wurde es dann auch). Ach ja, und sogar noch wichtiger: Dass wir mit weniger Gepäck verreisen würden.

Auch in diesem Jahr wollte ich die Weihnachtszeit in eine Schublade verbannen, gut abschließen und den Schlüssel – ups – verlieren. Adventskalender? Sternchenschmuck aufhängen? Lichterkette enttüddeln und dekorieren? Kein Bock. Lust hatte ich nur auf eines: einen Flug in die Karibik zu buchen und mich mit einem Buch an den Strand zu legen. „Ich bin da ganz unromantisch“, erzählte ich jedem. Wissen wollte es keiner – war ich doch diejenige, die oft so gerne Plätzchenbacken und allerlei Adventskrämchen anzettelte. Alle nickten ignorierend, nur meine Freundin Andrea sprach es aus: „Jaja, das kriegst du sowieso nicht hin. Du triffst doch an jeder Straßenecke einen Typen, der dir ein vor Romantik triefendes Gedicht vorliest.“ Wie sie mal wieder Recht hatte, die Gute.

Tatsächlich kam alles anders. Jens (Mr. Big), meine aufregende Hochzeitsbekanntschaft, vermisste, weit weg in China, die heimelige Weihnachtsstimmung. Vielleicht vermisste er auch ein kleines bisschen mich? Jedenfalls schickte er mir ein Bild von seinem lustigen Weihnachtspulli (mit Katzen in Weihnachtssocken drauf). Das war jetzt erst mal gar nicht so romantisch, öffnete aber mein frostiges Anti-X-Mas-Herz. Danach gab es kein Halten mehr. Jens wollte Fotos vom Oldenburger Weihnachtsmarkt sehen. Ich schickte Bilder vom Glühwein trinken. Er schrieb mir, wie schön mich seine neuen chinesischen Freunde fänden. Ich schrieb ihm… Na ja, alles muss ich jetzt auch nicht erzählen! Aus unserem Herbstflirt wurde also ein Winterflirt.

Und dann kam einer dieser Momente, die man nur so beschreiben kann: Es war wie im Film. Der Film spielte am Freitagmorgen und Jens und ich telefonierten. Wir plauderten so über dies und das. Er fragte, ob ich gerade zu Hause wäre, was ich machen würde, was wir jetzt machen würden, wenn er da wäre. Es klingelte. „Sorry, warte mal kurz“, sagte ich. „Der Paketbote oder so.“ Ich legte das Handy hin, eilte zur Tür und öffnete. Und da stand…

… Jens.

Mein Herz explodierte, meine Knie zitterten, tausend kleine goldene Weihnachtsengelchen schwirrten um mich herum. Hilfe – es war der absolute, romantische Overkill.

Bilder: Imago