Umziehen als Single – So schlimm ist es wirklich

Umziehen ist die Höchststrafe für Frauen in der Single-Hölle. Zumindest wenn man in eine Stadt zieht, in der man keinen kennt, in meinem Fall Oldenburg. Gut, man hat nicht noch mehr Krempel in Kisten und muss bei der Wohnungssuche nur mit sich selbst die Vor- und Nachteile der zukünftigen zwei Zimmer abwägen. Aber der Umzug an sich – ein teuflisches Strategiespiel mit tückischen Fallen.

An alles muss man denken. Und zwar allein.

Klar, jede hat ihren krisenbewährten, leidgeplagten Hilfstrupp. Den treuen Freund, der alle Möbel auseinanderschraubt (weil er immer schon was von einem wollte). Den großen Bruder, der alles seelenruhig im Transporter verstaut (wozu hat man denn einen Bruder). Die Mutti, die Brötchen schmiert und die alte Wohnung für die Übergabe instand setzt. Sogar die Ecken, die vorher nie einen Staublappen gesehen haben, schrubbt sie. Trotzdem bräuchte man eigentlich ein zweites Gehirn.

Denn wehe, man vergisst was! Die Sackkarre zum Beispiel. Montage-Anleitungen. Schlüssel. Oder ein Werkzeug, dessen Namen man nicht kennt. Dann ist man schuld. Und zwar ganz allein. Denn da ist niemand, auf den man es schieben kann. Die Umzugs-Demenz hat einen voll im Griff. Unmöglich schafft man allein alles so, wie der Hilfstrupp es am liebsten hätte: perfekt.

Na ja, Hauptsache, man schafft’s! Ich hab’s auch gepackt.

Jetzt sitze ich da, mitten im Chaos. Rund um mich herum Regale, Tütenberge, Kistenstapel. Also jetzt Oldenburg, neue Stadt, neues Glück! Ich lasse mich auf mein Bett fallen. Und schlafe ein.

Tag 1 nach dem Umzug. Ich wage einen Blick in den einzigen Spiegel, der den Umzug überlebt hat. Ich sehe aus wie eine Möwe, die im Gegenwind durch einen fiesen Sturm geflogen ist. Die Federn stehen zu Berge, die Haut ist gerötet, die Flügel schmerzen. Die Arbeit wartet.

 

Hauptsache Bloggen: Das Internet ist so kurz nach dem Umzug schon eingerichtet – die Wohnung nicht.

Hauptsache Bloggen: Das Internet ist so kurz nach

dem Umzug schon eingerichtet – die Wohnung nicht.

Möbel aufbauen, Kisten auspacken, Lampen aufhängen: Schnell merke ich, das wird nix. Die Bauanleitungen liegen gut versteckt in irgendwelchen Kisten. Auch fehlen mir mindestens zwei weitere Hände. Also Taktikwechsel. Im Hauruck-Verfahren besorge ich lieber die fehlenden Möbel für die Wohnung. Das bringt wenigstens Spaß! Neuer Spiegel, Kommode, Schuhschrank. Die drei bleiben aber erst mal im Auto, denn ich merke: Vom Einkaufswagen ins Auto konnte ich die Pakete noch schieben, aber hoch in die Wohnung kann ich sie nie und nimmer tragen.

Auch eilt kein muskelbepackter Gentleman zur Hilfe. Wahrscheinlich, weil ich immer noch aussehe wie ein zerfledderter Vogel. Meine Mission „Neues Nest“ ist gescheitert.

Also ändere ich die Strategie. Ich tausche Turnschuhe gegen Flipflops, Schmuddelhose gegen Kleid, leere kopfüber eine Umzugskiste und genehmige mir auf meiner Ein-Frau-Terrasse, auf der umgedrehten Kiste hockend, ein Bier. Prost, neue Nachbarn! Dann ziehe ich durch die Stadt.

Erkunde die Straßen. Die Plätze. Die Parks. Die Cafés. Die Läden. Das Schwimmbad. Bibliothek. Videothek. Schlossgarten. Dobbenwiese. Sogar den Weg zum Meer. Die Leuddeee.

Alles, was ich sehe, ist gar nicht übel, obwohl es meistens wie aus Kübeln gießt. Ich bin gut gelandet. Wenn auch ein bisschen zerzaust. Die Stadt ist wunderschön.

Tag 5 nach dem Umzug. „Moin!“, brüllt der Nachbar von gegenüber. „Auch neu hier?“ Ich nicke. „Haste Internet?“ Ich nicke noch mal, immerhin das. Internet stand auf meiner To-do-Liste ganz oben. „Ja, haste Muckis?“, brülle ich zurück. Er lacht.

Dann lacht ihn mein Sofa an. Allerdings in drei Teilen. Sitz, Rückenlehne, Armlehnen. Der Werkzeugkoffer steht daneben. Breites Grinsen meinerseits.

Allein umziehen ist die Hölle. Aber wer allein umzieht, bleibt nicht lang allein. Auch in der schlimmsten Hölle gibt den ein oder anderen Engel.

 

Bilder: privat, Flickr