Von der Demütigung in Umkleidekabinen

Maja reißt die Augen weit auf und guckt mich empört an. Ich weiß genau, was dieser Blick bedeutet. „Genau das habe ich auch gedacht!“, sage ich.

Suche nach einem Abendkleid

Neulich war ich in einem großen Bekleidungsgeschäft im Umland. Zum einen wollte ich mich nach einem langen Abendkleid umsehen – ich war nämlich zum Oldenburger Opernball eingeladen, bei dem Frauen, bitteschön, lange Kleider tragen sollten. Blöderweise sind meine drei hübschen Abendkleidchen, die ich im Schrank hängen habe, aber alle kurz. Und das einzige lange bemühe ich nun schon seit Abiball-Zeiten zu solchen Anlässen. (Und mein Abiball ist nun wirklich schon irre lang her… *seufz*) Zum anderen wollte ich mich – wie frau das halt so macht, wenn sie schon mal da ist – in besagtem Bekleidungsgeschäft einfach mal umschauen… War schließlich gerade Schlussverkaufszeit.

Vor Ort angekommen, stellte ich fest: Tatsache – einige der schicken Prinzessinnenkleider waren reduziert. Ich schaute alle Schnäppchen durch, nahm mir vier Kleider zum Anprobieren von der Stange. Eins in Größe 34, zwei in 36, eins in 38.

Eine junge, zierliche Verkäuferin kam auf mich zu. Ob sie behilflich sein könne. Ich fragte, ob sie diese Kleider schon mal in eine Umkleidekabine hängen könne. „Klar“, sagte sie und hielt kurz inne. Dann sagte sie so etwas wie: „Wenn Sie noch weitere Kleider finden, hängen Sie sie bitte erstmal da vorne an die Stange. Hier ist jetzt eins in 34 dabei, die fallen ja auch unterschiedlich aus, wenn eins nicht passt, weiß man, dass man da nicht mehr schauen muss.“ Häää? Hatte sie mir gerade gesagt: „In 34er Kleider passt du doch eh nicht rein, lass die gefälligst an der Stange hängen“?! Zumindest verrät mir Majas Blick gerade, dass sie diese Worte genauso auffasst, wie ich es in dem Moment getan hatte.

Breite Hüften, hängende Busen

Beim Anprobieren in der Umkleidekabine fand ich dann keines der Kleider so richtig gut. Als die Verkäuferin vorm geschlossenen Umkleidevorhang wieder mit den Größen anfing, gab ich ihr zu verstehen, dass ich mir erst im Vorjahr zwei kurze Vera Mont-Kleider gekauft hätte – eins in 34, eins in 36 –, die beide toll sitzen. Pah! Dass meine Hüften jetzt nicht in das eng anliegende 34er passten, brauchte ich ihr ja nicht auf die Nase binden.

„Mir hat eine Verkäuferin mal, als ich in einem Kleid aus der Umkleidekabine kam, gesagt: ,Dafür hängt ihr Busen zu sehr.'“, erzählt Maja, „ich fand das so unverschämt, dass ich ihr ’nen Vogel gezeigt hab. Naja. Ein ähnliches Erlebnis hatte ich, als ich alleine nach ’nem Brautkleid Ausschau gehalten hab‘.“ Ohne familiären Anhang und ohne Begleitung von ihren Freundinnen war sie damals, als der Hochzeitstermin feststand, spontan zu einem Brautmodengeschäft gefahren. Maja hat etwa dieselbe Statur wie ich. „Das brauchen Sie mindestens in 42!“, hatte ihr die Verkäuferin gesagt, als Maja sich für ein bestimmtes Kleid interessierte.

„Ich glaube“, meint Maja, „die dachte sowieso, ich wäre irgendein Hausfrauchen, das sich so ein Kleid überhaupt nicht leisten könne.“ Schließlich war sie ganz alleine an einem Vormittag unter der Woche in diesem Geschäft aufgetaucht. Die Verkäuferin schlussfolgerte also wahrscheinlich, Maja habe keinen Job – und ein zahlungskräftiger Anhang war ebenfalls nicht zu sehen. Jedenfalls hatte Maja nach diesem Erlebnis keine Lust, zum „richtigen“ Anprobieren noch mal mit ihrer Mutter in jenes Modegeschäft zu fahren (warum das Braut-Shopping mit ihrer Mutter allerdings nicht sonderlich entspannt war, lest ihr hier).

Erinnert mich an die Szenen mit Julia Roberts in „Pretty Woman“, als sie shoppen geht:

Und ich? Ich kaufte mir letztlich statt eines Abendkleides einen warmen, flauschig-kuschligen Wintermantel, den ich dann über meinem Abi-Kleid auf dem Weg zum Ball trug.

 

Verkäuferinnen mit wenig Feingefühl, fieses Licht in Umkleidekabinen: Wie sind eure Erfahrungen?

Übrigens: Bonnys anstrengende Erlebnisse in Sachen Brautkleid-Shopping findet ihr hier.

(Bilder: imago)