„Du kannst doch gar nicht ohne mich leben“

„DAS hat er wirklich gesagt?!“ Mir fällt die Kinnlade runter. Tatjana, die in meinem Lieblings-Baguetteladen um die Ecke arbeitet, hat mir gerade, während ich auf die bestellten Baguettes für Mirko und mich warte, fragmentweise von ihrer Trennung von ihrem Ex berichtet.

Sympathische Menschen im Alltag

Im Laufe der Zeit bekommt man ja nach und nach automatisch etwas aus dem Privatleben von Leuten mit, mit denen man zwar nicht direkt befreundet ist, aber die man eben regelmäßig sieht. Insbesondere dann, wenn sie einem nicht unsympathisch sind. Am Kiosk, beim Friseur, beim Fitnesskurs – oder eben beim Baguetteladen um die Ecke, wo Tatjana neben ihrem Studium jobbt. Nachdem ich nun schon über einige Jahre beim Warten auf Baguette Hawaii, Gyros oder Paris die Episoden über ihre letzte Langzeit-Beziehung, das Zusammenleben mit ihren beiden Katzen und das Anbändeln mit ihrem neuen Partner verfolgt habe, tut es mir nun wirklich leid für Tatjana, dass eben dieser sie offensichtlich unglücklich gemacht hat.

So ganz steige ich ehrlich gesagt noch nicht durch die Geschichte. Aber Tatjana ist gerade so in Fahrt und in ihrer Gedankenwelt gefangen, dass es mir sinnlos erscheint, jetzt Zwischenfragen zu ihrer Trennung zu stellen.

Hoffentlich denkt sie daran, dass ich das Baguette ohne Zwiebeln…, denke ich, während ich möglichst unauffällig beobachte, wie sie wütend mein Abendessen kreiert, …ah, ja, sie hat dran gedacht.

Leben mit Kind

„…und er wolle keinerlei Verpflichtungen haben“, reißt Tatjana mich aus meinen Gedanken, „hallo?! Er weiß schon, dass er einen kleinen Sohn hat, den ihm seine doofe Ex jedes zweite Wochenende und wenn sie keine Zeit hat, zuschiebt?“

Mit dem siebenjährigen Sohn ist Tatjana nur so mittelprächtig zurechtgekommen. So, wie sie es schildert, lässt ihm sein Vater nämlich immerzu alles durchgehen, während Tatjana den Jungen zum Beispiel dazu auffordert, seine Spielsachen nach dem Spielen wegzuräumen, oder dass er „bitte“ sagen soll, wenn er etwas haben möchte. Für sie gehörte der Junge nun mal zum Alltagsleben mit ihrem Freund dazu. Das hat sie akzeptiert – ihn aber eben auch ins Alltagsleben mit Rechten und Pflichten eingebunden. In seine Erziehung wollte sich Tatjanas Freund aber nicht von ihr reinreden lassen. Tja. Und beim großen Show-Down der beiden hat er Tatjana dann doch tatsächlich an den Kopf geknallt: „Du kannst doch gar nicht ohne mich leben!“

Ähem. Wie bitte?

So etwas Eingebildetes und Unverschämtes habe ich ja schon lange nicht mehr gehört (naja, von „Mr. Bigs“ unrühmlichem Anruf bei Bonny Anfang des Jahres mal abgesehen…).

Irgendwie scheinen manche Männer (dazu gehört übrigens auch mein Ex Florian) es gründlich misszuverstehen, wenn Frauen sich darum bemühen oder geradezu aufopfern, dass es allen beim gemeinsamen Zusammenleben gut geht. Wenn sie ihre eigenen Bedürfnisse hintanstellen.

„Ich hab‘ jetzt voll Zeit für mich selbst!“, schwärmt Tatjana mir nun vor. Es klingt ein bisschen so, als wolle sie nach dieser Trennung nicht nur mich, sondern auch sich selbst von ihrem neuen, ungewohnten Single-Dasein überzeugen. „Ich kann tun und lassen, wann immer ich will! Bitteschön!“, sagt sie und reicht mir die Baguettes – charmant lächelnd wie eh und je.

 

(Bilder: imago)