Die Lüge von der Lust am Alleinsein

„Wer allein ist, der ist selber schuld.“ Selbstgefällig und meilenweit entfernt vom Singleleben lehnt Kalle sich zurück: „Jeder kann einen Partner finden, wenn er nur will.“

Kalle hat gut reden. Er hat ziemlich Glück gehabt mit seiner Lisa. Zurzeit ist die mit ihrer besten Freundin verreist und wir machen mal wieder einen Pasta-und-Wein-Abend, wie in guten, alten Zeiten. Nur wir beide, als Kumpels, weinselig und streitfreudig.

„Das ist der größte Quatsch, den ich je gehört habe“, gebe ich zurück. „Ich war jahrelang allein – aber bestimmt nicht freiwillig. Das weißt du ganz genau.“

„Aber du hast die Zeit doch auch genossen“, sagt Kalle. „Manchmal habe ich dich echt beneidet, die tollen Reisen, das lustige Partyleben, überhaupt massenhaft Freiheit.“

Freiheit – das ist ein überschätztes Wort. Klar, wer allein ist, muss keine Kompromisse eingehen, keine Rücksicht nehmen, kann sich in seiner Freizeit die Rosinen aus dem Kuchen picken. Muss sich nicht kümmern.

Aber es ist auch niemand da, der sich kümmert. „Ich hatte massenhaft Freiheit, ja“, sage ich zu Kalle. „Aber dass ich mein Leben so gut gemeistert habe, liegt auch an euch.“ Weil Kalle und Lisa als gute Freunde oft für mich da waren, mal schnell was die Treppe hochgetragen haben, mal ohne Murren was repariert haben, mal einen guten Tipp parat hatten oder einfach nur zuhörten, wenn mein Leben kopfstand. Ohne das viel beschworene Netzwerk ist das Überleben als Singlefrau unmöglich, auch in einer Stadt wie Oldenburg.

„Och, Bonny.“ Kalle ist gerührt. Wir trinken einen Schluck, die Diskussion versiegt.

Warum Alleinsein keine Party ist

„Nein, mal ehrlich“, nehme ich das Thema auf. „Wer diese Art von Freiheit, das Alleinsein, feiert, hat sie nie richtig kennenlernt. Oder will seine Einsamkeit verbergen.“

Im Moment scheint es geradezu einen Trend zum Singlesein zu geben. Jedenfalls gibt es immer wieder Menschen, die sich öffentlich hinstellen und sagen: Ich bin allein, und das ist gut so. Erst letztens fiel mir das Buch „Ganz für mich – Tausend gute Gründe, das Alleinsein zu feiern“ in die Hände.

In wirklich schönen Karikaturen stellt die mexikanische Illustratorin Idalia Candelas die schönen Seiten des Alleinseins und Alleinewohnens dar. Ein ansprechendes Buch, das die Leiden und Schrecken des Singlelebens relativiert.

Das fand ich erst mal gut und richtig, als ich in einem ruhigen Moment darin schmökerte. Alleinsein ist kein Makel, keine Schande, nichts, wofür man tagtäglich bemitleidet werden muss. Aber für das Alleinsein zu werben, kam mir dann schon ziemlich komisch vor.

Ich habe mich darum gekümmert, nicht allein zu sein. Habe zu Partys eingeladen, habe zu meinen Nachbarn Kontakt aufgebaut, habe rechtzeitig Freundinnen als Reisepartner gewonnen. Einmal bin ich alleine verreist. „Warum ist denn eine so junge, attraktive Frau wie Sie alleine unterwegs?“, wurde ich beim Einchecken in der Herberge dann gefragt. Ja, warum eigentlich?!

Was fehlt, ist die gemeinsame Erinnerung

„Man kann nicht oft genug allein sein“, sagte mal eine Freundin von mir. Ich finde: Man muss allein sein können, aber es sollte nicht das erklärte Ziel sein. Komischerweise waren gerade die Freundinnen von mir, die besonders sozial, gesellig, kommunikativ und kompromissbereit sind, lange allein. Ihnen lag die Welt zu Füßen, sie konnten fast alles unternehmen – aber mit wem erinnern sie sich an die glücklichen Momente? Es war ja niemand dabei. Weißt du noch, in Italien…? – Ich genieße es immer sehr, mich mit einer Freundin oder einem Freund wie Kalle zu treffen und in schöne, lustige und verrückte Geschichten von früher einzutauchen. Wer alles allein macht, hat diese gemeinsame Erinnerung nicht.

Darum kommen mir diese Preisungen des Alleinlebens ziemlich verlogen vor. Leute, seid ihr da wirklich so heiß drauf? Ich glaube: Diejenigen, die das Alleinsein am lautesten und knalligsten abfeiern, sind genau diejenigen, die die Einsamkeit am meisten fürchten.

 

 

Bilder: Imago/Wolter