Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz: Das Dilemma um #MeToo

Ich war genervt. Der Fall Harvey Weinstein war wenige Tage zuvor ins Rollen gekommen. Beim Zappen durch die Fernsehprogramme war ich bei irgend so einem Nachmittagsmagazin gelandet, wo der Moderator gerade sinngemäß gesagt hatte, wie erschreckend das sei, so etwas habe es noch nie gegeben. Im Netz zog bereits der Hashtag #MeToo seine Bahnen, unter dem sich Frauen, die selbst bereits sexuelle Belästigung erfahren hatten, zu Wort meldeten.

 

Hallo?! Als hätte es die komplette #Aufschrei-Debatte nie gegeben! Ist das denn schon wieder alles vergessen?!

Claudias #Aufschrei: Was soll diese ganze Antatsch-Scheiße!

Aufschrei statt eine Armlänge Abstand

Hollywood im Alltag

Aber okay, beruhigte ich mich: Hauptsache, das Thema bleibt in der Diskussion beziehungsweise rückt erneut ins Bewusstsein. Für betroffene Frauen kann das nur von Vorteil sein. Außerdem ging es bei der Aufschrei-Debatte damals um sexuelle Belästigung im Allgemeinen; diesmal steht der Kontext „am Arbeitsplatz“ mit im Fokus.

Gleichzeitig war ich mir nicht sicher, inwieweit ich den Hollywood-Aspekt förderlich für die Debatte fand. Zum einen gab es dem Thema nämlich genau das: den Hollywood-Touch. Die Welt der Stars und Sternchen: Hui, da gab es so etwas „Spektakuläres“, klar – aber doch nicht bei mir! Nicht bei uns im Betrieb, im örtlichen Krankenhaus, in der Metzgerei, im Büro, nicht in meinem stinknormalen Arbeitsalltag!

Zum anderen hatte ich sofort die Stimmen jener im Kopf, die nun sagten/sagen würden: Jaaa, meine Güte, die Frauen hätten ja nicht mitmachen müssen! Haben sie aber! Weil sie berühmt werden wollten! Selbst schuld.

Aber solche Beziehungsgeflechte und Abhängigkeitsverhältnisse gab und gibt es auch „im Kleinen“, im Alltag vor der eigenen Haustür.
Die Azubine, die schweigt, wenn der Chef ihr die Schulter oder das Bein tätschelt.
Der Typ, der seiner Kollegin immer wieder auf die Brüste starrt.
Der Student, der anzügliche Sprüche über die nächtlichen Aktivitäten der Kommilitonin klopft, wenn diese am Morgen müde zum Seminar erscheint.

In der Zwickmühle

Fragen, über die manche Frauen dann grübeln: Soll ich es ansprechen? Mich dagegen zur Wehr setzen? …Es gibt doch nicht mal etwas „Richtiges“, gegen das ich mich zur Wehr setzen könnte!? Ich würde das Ganze doch überdramatisieren, oder nicht? …Und dann steh ICH am Ende blöd da, weil alle – inklusive des Chefs/des Kollegen/des Kommilitonen – denken: Was will die dem denn jetzt unterstellen?!

Es ist das eine, in der Disco oder auf der Straße von einem wildfremden Arschloch belästigt und/oder angegrapscht zu werden. Nicht zuletzt Selbstverteidigungskurse bereiten Frauen auf solch einen Fall vor. Aber es ist etwas anderes, wenn der Schauplatz plötzlich das eigene Berufsleben ist. Und insbesondere, wenn man anfangs „mitgemacht“ hat, sich zum Beispiel durch einen vertrauten Umgangston oder Komplimente geschmeichelt gefühlt hat, kann dieses eine Wort noch schwerer über die Lippen kommen: „Nein!“

(Bilder: imago)

Welche Erfahrungen habt ihr zum Thema „sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz“ gemacht? Schreibt sie Bonny & mir in den Kommentaren oder per Mail an red.online@nwzmedien.de