Prosit, ich bin dein Mister 2016!

Frooohes Neueeeees!

… 1. Januar, 0:01 Uhr: Böller-Knallen, Tanzen, Springen, In-Die-Arme-Fallen. Alles in Endlosschleife.

… 1. Januar, 1:03 Uhr: Die Party tobt.

… 1. Januar, 3:13 Uhr: Wir tanzen, auch wenn langsam die Füße schmerzen.

… 1. Januar, 5:45 Uhr: Wir machen uns auf den Nachhauseweg.

… 1. Januar 12:01 Uhr: Ich bin gerade wach, hänge im Schlafanzug am Küchentisch und starre auf ein Glas Multivitaminsaft, das die Lebensgeister wieder zum Tanzen bringen soll. Traue mich aber seit einer Viertelstunde nicht, einen ersten Schluck zu nehmen. Das Jahr 2016 könnte übler nicht beginnen. Da klingelt es. Ach ja, ich hatte ja Pizza bestellt! Just in diesem Moment ist mir zwar gar nicht nach heiß und fettig, aber wer weiß, welche schwierigen Phasen ich heute noch durchleben werde. In ein paar Stunden wird eine aufgewärmte Pizza meine Rettung sein. Wie in Trance schlurfe ich also zur Haustür. Barfuß.

Im neuen Exotenhaus im Zoologischen Garten Karlsruhe (Baden-Württemberg) ist am 29.07.2015 ein Faultier zu sehen. In der Halle leben nun rund 2000 Tiere aus knapp 100 Tierarten. Foto: Uli Deck/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++

Doch auch im neuen Jahr kommt alles anders, als ich denke. Gerade will ich die Pizza in Empfang nehmen und dem Boten sein Geld in die Hand drücken, da realisiere ich: Ich rieche gar keinen geschmolzenen Käse und der „Giovannis Pizza“-Mann sah auch schon mal anders aus. Verdammt. Dafür schaue ich auf ein Tablett, das keine Wünsche offen lässt, von dem ich tagtäglich träume: frische Brötchen, Marmelade, Käse, Rührei, Tomaten, Trauben und obendrauf als Sahnehäubchen doch tatsächlich ein Schokocroissant. Augenblicklich steigt die Übelkeit wieder in mir hoch. Hinzu kommt der Schock:

Das Tablett liegt in den Händen meines Nachbarn. „Donnerlittchen!“, entfährt es mir. Dieses Wort sagt eigentlich niemand unter 60. Im gleichen Moment fällt mir ein, dass ich einen Schlafanzug mit Elch-Motiven trage und mir das Party-Make-up immer noch im Gesicht prangt, nur eine Etage tiefer und eine Nummer wilder. Donnerschlag! Mit großen Schritten stürmt der Nachbar an mir vorbei, räumt in Windeseile leere Bierflaschen vom Küchentisch und verteilt gekonnt – Tischlein deck dich! – seine Frühstücks-Utensilien darauf. Für einen kurzen Moment, in dem ich einfach nur beeindruckt bin, vergesse ich sogar meinen Kater.

Silvester

 

Dann frage ich mich: Warum gerade heute? Und warum so früh morgens? Das Jahr hat doch noch 365 Tage, da hätte er sich doch einen anderen aussuchen können. Zum Beispiel einen, an dem ich schon geduscht habe. An dem mir auch zum Frühstücken zumute ist. Oder an dem ich wenigstens einen nicht ganz so albernen Schlafanzug trage. Gutes Timing ist alles, aber – wie ich sehe – nicht die Stärke meines sonst so kompetenten Nachbarn. „Neujahrsüberraschung“, sagt er und lächelt mir zu, als wäre er gerade frisch aus dem Ei geschlüpft. „2016 ist Picknick-Time!“ Er macht sich an meiner Kaffeemaschine zu schaffen.

Nein, ich wehre mich nicht. Ich lasse alles brav über mich ergehen und erinnere mich schwach daran, mal irgendwas Nettes zu ihm gesagt zu haben. Aber wie kommt jemand darauf, ausgerechnet an Neujahr zu einem Spontan-Date „einzuladen“? Dabei ist es doch so wichtig, einen passenden Zeitpunkt zu erwischen. Viele Liebesgeschichten sind die pure Folge guten Timings, liegen geradezu im passenden Moment bergündet. Nicht nur in Filmen. Eine vergisst die Hälfte der Einkäufe an der Supermarktkasse, der andere erinnert sie dran. Eine fällt die Treppe runter, der andere fängt sie auf. Eine hat Internet, der andere Werkzeug… Alles schon erlebt!

Gleichzeitig kommt mir aber der Gedanke, wie viele sich anbahnende Geschichten schon gescheitert sind, weil sich nie ein zweiter, perfekter Zeitpunkt ergeben hat. Vielleicht ist es besser, einen falschen zu erwischen als gar keinen! Ich reiße mich also zusammen, kaue an einem Brötchen und ringe mir ein „super Idee mit dem Neujahrs-Picknick“ ab. Als ich mir Socken hole, um dieses ganz große Frühstücks-Kino wenigstens temperaturmäßig zu überstehen, werfe ich im Vorbeigehen einen Blick in den Flurspiegel. Die einzige Lebensweisheit, die mich durch diesen Tag bringen wird, ist die meiner Großmutter: „Männer sind das blindeste, was der Hergott erschaffen hat!“ Und das Wissen darum, dass schon viele großartige Liebesgeschichten einen skurrilen Anfang nahmen.

ILLUSTRATION - Ein Teller mit einer Scheibe Schwarzbrot und Wurst sowie ein Teller mit einem Stück Pizza stehen in Kaufbeuren (Schwaben) nebeneinander (Foto vom 26.06.2012). Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft trifft am Donnerstag (28.06.2012) im EM-Halbfinale in Warschau (Polen) auf Italien. Foto: Karl-Josef Hildenbrand dpa/lby +++(c) dpa - Bildfunk+++
Fotos: dpa, privat