Entschuldigung, könnte ich bitte meine Privatsphäre zurückbekommen?

Wann und wie ist es eigentlich modern geworden, auf die Privatsphäre (jene im realen Leben, nicht im digitalen) zu pfeifen? Zwar musste ich einerseits lachen, andererseits war ich ziemlich baff, als Nadine mir neulich von ihrem Wochenendtrip mit ihrer neuen Bekanntschaft erzählte: Die beiden kennen sich seit etwa einem Monat, waren sich auf Anhieb mehr als sympathisch – und beschlossen, spontan ein Wochenende gemeinsam wegzufahren.

Sie suchten sich ein hippes Design-Hotel in Hamburg. Im Doppelzimmer. Nadine war ganz euphorisch vor verliebter Aufregung; endlich war sie gedanklich und gefühlsmäßig von ihrem Ex-Freund Alexander befreit. Doch ihre Euphorie fand ein jähes Ende, als die beiden das Zimmer betraten. Denn das Badezimmer inklusive der Dusch-/Badewanne war in das Hotelzimmer integriert, ohne Abtrennung vom Rest des Raumes. Von einer Glaswand, die das Zimmer vor Wasserspritzern schützte, mal abgesehen. Und: Nein, keine von diesen milchigen Glaswänden, durch die man nur Silhouetten erahnen kann, sondern eine völlig durchsichtige Glaswand. Nur das „stille Örtchen“ war tatsächlich ein solches und ließ etwas Privatsphäre durch eine hinter sich zu verschließende Tür zu.

Überfordert

„Oh…“ – diese unerwartete Freizügigkeit war offensichtlich auch nicht im Sinne von Nadines Begleiter. Nach einem kurzen Moment des Schweigens und Rumdrucksens hatte er Nadine gefragt, ob er an der Rezeption mal nach zwei Einzelzimmern fragen solle. Aber beide waren angesichts der Vorstellung, dieses gemeinsame Wochenende nun doch nicht richtig gemeinsam miteinander zu verbringen, enttäuscht. Letztlich hatten die beiden zwar eine schöne Zeit zusammen; aber sie wären gern selbst einen Schritt nach dem anderen gegangen. So waren sie ungewollt zu einer Entscheidung, zu einem JA oder NEIN, gezwungen worden bei einem Thema, das für sie selbst noch gar nicht zur Debatte gestanden hätte.

 

Wie menschliche Zootiere

Ein ebenfalls verzichtbares Erlebnis in Sachen Privatsphäre hatte meine Bekannte Caro kürzlich. Sie arbeitet bei einem Radiosender. Immer wieder mal werden Besuchergruppen bei Besichtigungen durch das Gebäude geführt. Dass sie und ihre Kollegen sich dann immer auch ein ganz bisschen wie Zootiere fühlen, daran hat sich Caro gewöhnt. Und es stört sie auch nicht, wenn ihr einer der Besucher mal über die Schulter guckt und sie etwas fragt.

 

 

Aber inzwischen scheint das Verhalten der – oft deutlich älteren – Besucher in respektlose Distanzlosigkeit abzurutschen. „Bei der letzten Gruppe hatten mindestens drei der 20 Leute Kameras dabei, mit denen sie einfach alles ohne zu fragen geknipst haben! Uns, unsere Technik, unsere Schreibtische“, erzählt Caro, „und eine Frau kam mit dem Kopf einfach direkt neben mich, betatschte mich an der Schulter und starrte mit einem „Darf ich mal gucken?“ auf meinen Bildschirm, wo ich gerade meine Mails checken wollte!“ Fassungslos schüttelte ich den Kopf.

Hatten diese Besucher keinen Respekt, weil Caro deutlich jünger war als sie?

Weil sie eine Frau war?

Wir Norddeutschen

Dem Klischee nach sind doch gerade wir Norddeutschen für unsere eher kühle Distanz zu Fremden gegenüber bekannt. Woher stammen also die plötzlich verschwindenden Berührungsängste, und wie zum Kuckuck hat sich eine Entwicklung wie „Badezimmer mitten im Doppelzimmer“ hier bei uns im Norden durchsetzen können??

(Bilder: imago)