Nackte Tatsachen zum Weltfrauentag

„Neeeiiinnn! Echt jetzt!?“, stößt meine Freundin Charlotte, halb entsetzt, halb entzückt, aus. „Du hast den mit nach Hause genommen?“

Ich zucke mit den Schultern und reagiere genauso zwiespältig: Ein schiefes Lächeln stiehlt sich in mein Gesicht. Es mausert sich aber schnell und unaufhaltsam zu einem breiten, verzückten Grinsen. Ich bin beschämt und beglückt zugleich. „Ja ja, so war das wohl.“ Charlotte, ganz die Anstandsdame, schüttelt nur den Kopf: „Mann, ey!“

Und da sind wir im Thema. Bei „Mann“ ist das nicht nur okay. Nein, es ist geradezu eine Heldentat, eine Frau „abzuschleppen“. Erzählt ein Mann seinen Kumpels davon, erntet er lobende Worte, bewundernde Blicke, Schulterklopfen, Stammtisch-Sprüche. Jedenfalls habe ich das schon öfters so mitbekommen. Eine Frau erntet von ihren Freundinnen, sagen wir mal, Irritation. Besorgnis, wenn es öfter passiert. Böse Blicke, wenn es dauernd passiert. „Vielleicht bekommt die zu wenig Selbstbestätigung“, heißt es dann. Oder: „Die ist auf der Suche nach etwas, was ihr niemand geben kann.“ Dass die vernünftigen Freundinnen nicht gleich zu einer Therapie raten, ist alles.

Jetzt könnte man sagen, wir sind selbst schuld, wenn wir uns gegenseitig unsere Abenteuer vermiesen müssen. Frauen halt. Aber: Männer haben da auch ihre Grenzen. Sie plaudern genussvoll über hingebungsvolle Frauen, ihre körperlichen Vorzüge, lassen dem Kopfkino gerne freien Lauf. Wenn es um andere Frauen geht. Nur: Sobald die eigene Freundin oder Frau ihre „lotterhafte“ Vergangenheit enthüllt – oder es jemand anders für sie tut, dreht sich der Spieß um. Wenn ihre Angebetete gemeint ist, müssen noch so harte Kerle schlucken. Dann beginnt die Eifersucht in ihnen zu köcheln, Horrorvisionen von Männern, die reihenweise vor dem Schlafzimmer ihrer – ach so unschuldigen – Prinzessin Schlange stehen, stellen sich ein. Irgendwie ja auch süß, aber ungerecht.

Gesellschaftlich sind liebeslustige Frauen immer noch verpönt. Sie ziehen lüsternde Blicke auf sich, gelten aber häufig als Schlampe.

Jetzt will ich am Weltfrauentag kein Plädoyer für hemmungsloses Abschleppen verfassen. Um Himmels Willen. Dazu bin ich viel zu brav. 😉 Auch sind die Geschichten dahinter ja tatsächlich manchmal traurig, so unrecht haben die Freundinnen nicht. Oft geht es um Spaß. Manchmal machen Frauen aber auch einfach nur „mit“, weil sie sich nach mehr sehnen, weil sie jemanden verehren, der auf anderem Wege unerreichbar ist, weil sie einsam sind und sich endlich mal wieder so etwas wie Liebe erhoffen.

Mir geht es um was anderes. Immer noch sollen Frauen „sittsam wie das Veilchen im Moose“ leben. Lautes Diskutieren, schräge Witze, zügelloses Flirten, Fäkalhumor, Besäufnisse, deftige Ausdrücke, aus der Rolle fallen, daneben benehmen, hemmungslose Plaudereien über Liebesabenteuer – sorgen für beschämte Blicke, Tuscheleien, Angst und Schrecken. Bei Männern sind diese Ausschweifungen im schlimmsten Fall Kavaliersdelikte, bei Frauen einfach nur peinlich. Schluss damit!

Zum Weltfrauentag fordere ich mehr Akzeptanz für die „Lebefrauen“ auf diesem Planeten. Ja, wir Frauen dürfen uns auch unser Stück vom Kuchen nehmen, den Raum für uns erobern und das Leben genießen, auch wenn es mal nicht „ladylike“ daherkommt. Wir haben genauso das Recht, wild, witzig, hässlich, provokant, betrunken, ehrlich, wütend und feurig zu sein. Das ist nicht schlimmer als bei Männern. Vielleicht fangen wir einfach klein an und klopfen uns auch mal anerkennend auf die Schulter, wenn eine Freundin von ihrer neuesten, kurzlebigen Eroberung erzählt. „Geil!“, könnten wir rufen oder zumindest die abwertenden Blicke weglassen.

Wir dürfen auch mal die Sau rauslassen. In diesem Sinne: „Ein Hoch auf uns Frauen!“ Ich geh dann mal auf die Piste, derbe feiern und was klarmachen.

#RebelGirls

Bild: Imago