Max Mustermann auf Wolke 4

Lieber auf Wolke 4 mit dir als unten wieder ganz allein, trällert es aus dem Radio. Ein Lied von Marv & Philipp Dittberner aus dem Jahr 2015. Anfangs fand ich den Gedanken bitter: Da gibt jemand unumwunden zu, nicht die großen Gefühlen in seiner Beziehung zu empfinden. „Wir sind nicht zusammen auf Wolke 7, aber das ist okay, von der hohen 7 aus könnte man eh viel zu tief fallen.“
Ganz rational.
Eine „Vernunft-Ehe“.
Risikolos und ohne rosarote Brille durchs Leben.
Ist das nicht auch eine ziemliche Kränkung gegenüber dem Partner?

Dann kam ich ins Grübeln. „Liebe“ ist schließlich so oder so etwas, das nur im Laufe der Zeit entstehen kann und wächst. Im Gegensatz zu einer aufregenden Anfangsverliebtheitsphase. Klar, im besten Fall bewahrt man sich von dieser etwas über all die Jahre. Aber wenn es genau dieses Aufregende, die Wolke 7, nie gegeben hat – wer sagt denn, dass so eine Beziehung nicht trotzdem genauso okay oder lebenswert ist?

Wie ist es denn überhaupt um ein Leben auf „Wolke 4“, einem Leben im Mittelmaß bestellt? Im Duden heißt es beim Eintrag zum „Mittelmaß“: „Gebrauch: oft abwertend“, beim Eintrag zur „Mittelmäßigkeit“ gar: „meist abwertend“. Schon klar: Niemand will Max Mustermann sein. Jeder will jemand sein.

Erika und Max Mustermann auf dem Weg zur Arbeit?

 

Nur… Es gibt etwa 7,5 Milliarden Menschen auf der Welt. Ist es nicht ein überflüssiger, da aussichtsloser Kampf, toller, besser, individueller als 7.499.999.999 andere Menschen sein zu wollen?

„Zahllose Menschen werden völlig sinnlos ins Unglück gestoßen. Sie meinen, ein wertvolles Leben kommt nicht aus ohne das Häuschen in der Toskana, Beine-Bauch-Po-Gymnastik und Delfin-Tauchen. Diese Menschen haben sich unbewusst und im Grunde wider Willen von ihrem gewöhnlichen Leben abbringen lassen.“

(Philosoph Matthias C. Müller in einem Focus-Interview)

Und dann gibt es ja auch noch Eltern, wie ich in einem anderen Blogbeitrag schon einmal erwähnte, die – vielleicht, weil sie selbst es nie aus ihrem Max Mustermann-Dasein geschafft haben – ihr Kind als verlängertes Ego betrachten und dem Nachwuchs in jungen Jahren schon Japanisch oder sonst was beibringen lassen wollen. Himmel, wofür denn?! Und da offensichtlich immer mehr Durchschnittskinder es aus eigener Kraft heraus nicht schaffen, Abitur oder einen Studienabschluss zu erlangen, werden kurzerhand einfach die Anforderungen und Ansprüche gesenkt.

Weniger Sitzenbleiber, mehr Abiturienten, mehr gute Abiturnoten, weniger Schulabbrecher – das sei für Politiker in der Vergangenheit scheinbar der einfachste Weg gewesen, um bei den Menschen Zufriedenheit mit dem Bildungssystem herzustellen. Und dieses Ziel lasse sich „unabhängig von Leistung“ am schnellsten erreichen, so Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbands. Schulen stünden schlecht da, wenn sie viele Sitzenbleiber haben. Und so laute die informelle Vorgabe an manchen Schulleiter, die Anforderungen zu senken und weniger Schüler durchfallen zu lassen.

(Quelle: news4teacher)

Doch zurück zum Thema Beziehungen. Letztlich geht es immer um die eigene Sichtweise und den Umgang damit. Es ist ein Unterschied zu sagen „Wir waren nie auf Wolke 7, aber das macht überhaupt nichts, weil wir uns inzwischen lieben und einander nicht mehr missen möchten“ oder „Ich bin lieber mit dir auf Wolke 4, als dass ich alleine bin“. Stichwort Spatz in der Hand. Mir fällt eine Bekannte aus der Jugendzeit ein, deren Ex-Freund nach dem Beziehungs-Aus für ein paar Wochen so eine Art Überbrückungsbeziehung mit einem Mädel führte. Während dieses Mädel ziemlich verliebt war, war sie für ihn eben nur dies: eine nette Gelegenheit, nicht allein zu sein, wenn er sich die Zeit nicht gerade mit seinen Kumpels beim Hackysack-Spielen im Schlossgarten oder Fußballgucken vertrieb.

Und das ist nicht fair.

(Bilder: imago)