Lasst das wilde Tier endlich toben

„Ich kann das nicht. Ich weiß nicht, ob ich das schaffe. Ich bräuchte viel mehr Wissen und Erfahrung. Und überhaupt: Die anderen können es doch bestimmt viel besser. Das macht doch eh keinen Sinn…“ HILFE, ich kann das nicht mehr hören!

HALTET DOCH EINFACH MAL DIE KLAPPE, Mädels. Und kneift die Arschbacken fest zusammen.

Natürlich ist es unglaublich mies, wenn wir beim Vorstellungsgespräch gefragt werden, ob wir einen Freund haben (und sogar zwei haben!). Ob wir womöglich bald heiraten (und frisch getrennt sind). Oder ob wir Kinder bekommen wollen (und wirklich andere Sorgen haben: Oma gestorben, Wohnung gekündigt, Mutter krank, Auto kaputt, Freund im Knast). Was Frau halt so neben dem Job zu regeln hat:

Am liebsten würden wir höhnisch lachen und sagen: „Ach wenn Sie wüssten, was in meinem Leben los ist! Nächste Frage, bitte!“ Natürlich scheinen die Hürden gerade für Frauen oft unüberwindbar hoch. Wenn es darum geht, überhaupt in einen Beruf reinzukommen. Anzukommen. Sich durchzusetzen.

Claudia zum Weltfrauentag: Auf uns, Mädels!

Aber nur weil es (zu viele) altmodische, taktlose, politisch unkorrekte Menschen gibt, ist die Welt nicht schlecht. Sie ist ungerecht – aber es hat ja auch niemand was anderes behauptet, oder? Klar, niemand würde einen Mann beim Vorstellungsgespräch über Privatkrams ausquetschen. Natürlich bekommt ihr diesen und auch jenen Job nicht, egal ob ihr schweigt oder euch um Kopf und Kragen redet. Denn bei solchen Fragen kann man sich nur um Kopf und Kragen reden! So ist es jedenfalls erst letztens wieder einer meiner besten Freundinnen bei einer Bewerbung im Sozialhilfe-Bereich (!) ergangen. Und es wird wieder und wieder passieren. Niemand wartet auf uns. Es gibt in den meisten Fällen eine komfortablere und konventionellere Lösung als uns. Aber es lohnt sich dennoch, dass wir die Zähne zusammenbeißen.

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Kapitulation ist eine der größten weiblichen Schwächen. Wenn’s zu kompliziert wird, wenn der Ton schärfer wird, der Umgang härter, dann verkriechen wir uns in unserer flauschigen Kuschelsocken- und Schatzimausi-Welt und halten uns raus aus dem bösen, bösen Weltgeschehen. Das geht vielleicht gerade eh ganz gut, weil unser Macker die große Knete einfährt oder wir – ups wie passend – gerade schwanger werden, um unseren im Moment etwas unliebsamen Job mit gutem Grund loszuwerden. Wie konnte das bloß passieren?

Ich kriege dann echt die Krise. Nein, die Bonny, die da mit Pünktchen-Socken auf dem Sofa liegt und gedankenverloren Seifenblasen in die Welt pustet, ist nun wirklich keine Botschafterin der Lebenseinstellung „Der Job geht über alles“. Aber ein bisschen mehr Durchhaltevermögen dürfte doch nicht so schwer sein. Wo steckt denn das wilde Tier in euch? Lasst es frei!

Es muss nicht jede eine Durchstarterin sein. Erst recht keine Rampensau. Auch zurückhaltende Ladys können sehr, sehr zäh sein. „Jeder hat ein Recht auf seinen eigenen Charakter“, sagte mal eine sehr kluge Bekannte von mir. Das würde ich unterschreiben. Aber ein bisschen mehr Biss und ein bisschen weniger Zufriedengeben wäre wünschenswert. Warum? Weil alles andere pure Verschwendung ist.

Schließlich sind wir nicht da, um im Ponyhof die Ställe auszumisten. Oder die Notenständer für das Wunschkonzert aufzustellen. Freunde, Kinder, Männer, Muttis und Omis brauchen uns. Aber unsere schöne Stadt und die Welt auch.

Wir müssen ja nicht jede Minute kämpfen. Höher, weiter, schneller, ist gar nicht die Frage. Aber mitmischen in der Berufswelt, im Vereinsleben, in Politik oder Kultur sollten wir alle auf unsere Art und Weise. Sonst versickert vieles von dem, was wir können und wissen. Es gerät in die Abstellkammer und wird dort vergessen – und schwups waren all die Ausbildungen, Fortbildungen, womöglich auch noch Studien und Auslandssemester vergeblich. Höchstens schmückendes Beiwerk für den Privatgebrauch.

Sowas tut mir im Herzen weh.

Augen zu und durch! Zähne zusammenbeißen. An den richtigen Stellen schweigen. Und: Wenn dann doch mal die Tränen kommen, weil’s alles zu fies wird und das Herzchen doch ein bisschen weicher ist als gewollt, ab auf die Toilette oder in die nächstgelegene Rumpelkammer. Dann erst wieder rauskommen, wenn die Tränen getrocknet sind. Weiter geht’s. Nur wer mal richtig für was gekämpft hat, weiß, was gewinnen bedeutet.

https://www.youtube.com/watch?v=YdxqGolM09k

 

Bilder: Imago

  • Christiane Corssen

    zu der Notiz NWZ 12.03.2016, S. 5:
    „Niedersachse als ‚Spitzenvater‘ ausgezeichnet“
    Hallo? Dieser „Spitzenvater“ kümmert sich 7 1/2 Stunden am Tag um seine Kids, um seiner Frau ein berufliches Fortkommen zu „ermöglichen“ – welche Gnade!
    Nur zur Erinnerung: Ein Tag hat 24 Stunden – mit Kindern oft (gefühlt) noch mehr. Nach 7 1/2 Stunden ist also Dienstschluss (wie bei einem normalen Arbeitstag), den Rest darf dann die Frau, die ja den ganzen Tag ihrem Hobby „berufliches Fortkommen“ gefrönt hat, dann gern erledigen.
    Wer denkt an die „Supermütter“, die Kinder, Haushalt, oft noch eine schlecht bezahlten Teilzeitjob vereinbaren (müssen), um den Mann bei seiner Karriere zu unterstützen? (Ich sage absichtlich nicht „ermöglichen“!)
    Irgendwas stimmt doch bei der Anerkennung der Rollen immer noch nicht …