Junggesellinnenabschied – das Ende der Zivilisation

Dezember

„Wir heiraten!“ Maja und ich kreischen beide kurz vor Begeisterung auf. Dass ich ihre Trauzeugin sein würde, und sie später mal meine (falls es denn je dazu kommen sollte…) – stand schon längst fest. Ich freu mich. Und während sie mir bei einem heißen Kakao mit Schuss schildert, wo und wie Henning ihr den Antrag gemacht hat und dass es eine Strandhochzeit werden soll, schreit in meinem Kopf immer wieder ein einziges Wort auf: Junggesellinnenabschied!

Verdammt.

 

Februar

Ich kann nicht behaupten, dass meine Panik ob der Aufgabe, die mir als Trauzeugin in den Schoß gefallen ist, verflogen sei. Unter uns: Ich bin wahrlich kein Organisationstalent. Aber immerhin habe ich es geschafft, eine Doodle-Umfrage zu erstellen. Alle Mädels, die Maja beim Junggesellinnenabschied dabei haben möchte, sollen online in einer Tabelle die Termine anklicken, an denen sie Zeit haben. Natürlich gibt es immer eine oder zwei, denen man in den Hintern treten muss. „Ach stimmt ja! Hab ich ganz vergessen. Mach ich sofort“, liest man dann als Antwort. Nun gut.

 

März

Soll Maja ein Kostüm tragen? Wenn ja, welches? Oder tragen wir alle nur einheitliche (pinkfarbene?) Oberteile? Mindestens bekommt Maja ein Krönchen auf! Das hab’ ich eh noch von der letzten Kohlfahrt hier liegen. Und: mit Stripper oder ohne…?

Die Kosten muss ich im Blick behalten… das hat mir zuletzt die Mail einer Kollegin von Maja namens Tanja, die alleinerziehende Mutter ist, vor Augen gehalten.

Ach ja. Das „Wo“ ist noch völlig offen. Eine kurze Träumerei, bei der ich uns alle im Flieger nach Malle sitzen sehe, hab ich schnell wieder verworfen. Zu viel Aufwand für zu kurze Zeit auf der Insel, zu teuer. Auf jeden Fall will ich aber nicht in Oldenburg bleiben. Hier kennt ja dann irgendwie doch jeder jeden. So ein heikles, da unter Umständen höchst peinliches Unterfangen wie den Junggesellinnenabschied hier auszurichten – nein, danke. Manchmal, wenn ich andere JGA-Touren sehe, kommt es mir fast so vor, als wollten manche Frauen ihren kompletten Alltag völlig verdrängen und seien mit einer „Jetzt will ich endlich mal Spaß haben!“-Kampfansage unterwegs.

April

Juhuuu! Eine befreundete, ehemalige Klassenkameradin von mir studiert in Hamburg und würde uns JGA-Mädels für eine Nacht die Wohnung zur Verfügung stellen, in der sie mit ihrem Freund wohnt. Läuft doch! Kostenlose 64 Quadratmeter Wohnfläche für ein Wochenende.

Einige akribisch formulierte Mails hat es mich gekostet, Tanja davon zu überzeugen, dass ihr dreijähriger Lukas NICHT so gut in solch einen Junggesellinnenabschied reinpasst. Jaaa, AUCH WENN wir doch ganz privat in ner Wohnung sind.

 

Juni

Mein Gott, warum bin ich so nervös? Als wäre es mein eigener JGA!

Ich hab’s genau mit Henning abgesprochen: Er bringt seine Zukünftige bis 9 Uhr an den Frühstückstisch, geht Brötchen holen – und kehrt dann mit Brötchen und mir wieder in die Wohnung zurück.

„ÜBERRASCHUUUUNG!“ schmettere ich Maja mit überschwenglicher Freude entgegen. Ups, das hat gesessen – die Arme hat sich total erschrocken und steht nun zittrig vor mir. Ich muss jetzt konsequent sagen, was Sache ist! „Du hast genau 20 Minuten Zeit, deine Sachen zu packen. Ab JETZT!“ Ich setze ihr das Kohlköniginnen-Krönchen auf. Sie reißt die Augen auf, guckt, als bereite ihr das Aufsetzen des Krönchens mit rosa Plüsch und Glitzer physische Schmerzen.

„NEIN! Nein. Das schaff ich auch gar nicht! Du solltest mir doch Bescheid sagen. Das geht nicht!“

„Je länger du diskutierst, desto weniger Zeit bleibt dir.“

Ich drücke ihr ein Gläschen Sekt und eine Pack-Liste in die Hand, die ich für sie erstellt habe, damit sie nichts im Eifer des Gefechts vergisst. Während sie packt, schmier ich ihr ein Brötchen für unterwegs. Läuft doch. 🙂

 

Auf geht’s zum Junggesellinnenabschied!

Seufz. Eigentlich hatte ich Natti und den anderen beiden mir bislang unbekannten Mädels, die ich in meinem Auto mitnehme, ja geschrieben, dass ich einen Kleinwagen fahre. Warum man, bzw. ein Mädel mit künstlichen Fingernägeln namens Nadja, dann trotzdem extra Dinge wie ein Beautycase mitnehmen muss… ich weiß es nicht. Nun ja. Erstmal bekommt jede ein Sektchen.

Die Überlegungen um einheitliche T-Shirts oder etwas in der Art sind übrigens im Sande versackt. Ich wollte ja auch niemandem etwas aufzwingen.

In der Wohnung angekommen – mittlerweile sind auch die übrigen drei Mädels dazugestoßen – breiten wir Isomatten und Schlafsäcke aus. Dazu gibt es gekühlten Hugo. Jetzt muss ich ja nicht mehr fahren und darf auch endlich.

Für den Nachmittag hat Natti ein Pantomimespiel vorbereitet. Ich fand die Idee toll. Beautycase-Nadja weniger. Die hat mal gar keinen Bock. Nach und nach scheint sich ihre Abneigung zu steigern, sie macht ihrem Unmut Luft. „So’n Kinderspiel“ sei doch nichts für einen JGA. Mutti Tanja springt auf den Zug auf. „Da hätte Lukas ja auch mitmachen können…“ Aaaah! Wie reagieren? Das sind doch erwachsene Frauen, können die nicht Maja zuliebe einfach mitmachen bei dem Programm, das andere hier vorbereitet haben? Natti hat sich echt Mühe gegeben; es sind lauter Begriffe, die was mit dem Brautpaar zu tun haben. Allzu zickig drauf zu reagieren erscheint mir allerdings wenig sinnvoll – schließlich haben wir noch die Nacht und den nächsten Morgen gemeinsam vor uns. Und es sind ja alles Majas Freundinnen. Und überhaupt: Maja! Die ist jawohl die Hauptperson heute. Ich sehe zu ihr rüber, versuche ihre Gedanken zu lesen. Sie lässt sich aber nichts anmerken.

Schnell schenke ich allen Mädels noch etwas Hugo nach.

Auf der Reeperbahn

Zwei Stunden später ziehen wir durch Hamburg, landen – natürlich – auf der Reeperbahn. „Boaaah, die gibt sich ja überhaupt keine Mühe!“ Ich muss lachen. Nadja scheint von der halbnackten Tänzerin auf dem Tresen nicht begeistert zu sein. Da eh keine Bedienung kommt, um uns nach unseren Getränkewünschen zu fragen, verlassen wir die Kneipe wieder und lassen uns weiter treiben. Eigentlich hatten wir Maja gemeinschaftlich den Auftrag gegeben, Wodka-Waldmeister gewinnbringend unters Volk zu mischen. Aber sie stöhnte nur auf und wollte lieber selbst 50 Euro zahlen, damit sie das nicht tun muss. Hm. Also tranken wir auch diese Flasche selbst aus.

„Oooh, ein Südländer!“ Maja guckt entzückt zur Bühne. Wir sind in einer Männer-Stripbar gelandet, Einlass nur für Frauen.

Wir buchen eine Privatshow für uns acht. Hihi.

Ein „Pilot“ mit verspiegelter Pornobrille betritt unser Separee. Hossa. Maja schlägt sich quietschend die Hände vors Gesicht.

Nachdem unser Pilot sein Hemd aufgeknöpft hat, nimmt er ihre Hände und legt sie sich auf den durchtrainierten Oberkörper.
Rasch ein paar Fotos mit dem Handy knipsen…

Und plötzlich ist alles eins. Die leicht stickige Bar-Luft, der Hugo, das Prusten und Lachen von uns Mädels, der nun kaum noch bekleidete Pilot, das kleine Karussel im Kopf, die Farben, die Geräusche, die Musik…

 

Etwas vibriert.

CLAUDIA! WAS SOLL DAS!?

Huch? Eine WhatsApp-Nachricht von Henning. Was hat er denn?

Verschlafen seh ich aufs Handy. Es ist erst 8.48 Uhr. Etwa gegen 3 Uhr hatten wir uns auf den Heimweg gemacht. Majas Handy vibriert auch ein paar Mal. Aber die schlummert weiterhin neben mir.

Und dann schnall ich es. Eines der Mädels hatte mich gefragt, ob ich ihr ein paar der Fotos aus der Stripbar schicken kann. „Hier, such dir welche aus und stell sie doch gleich für alle in unsere WhatsApp-Gruppe“, hab ich ihr gesagt und mein Handy in die Hand gedrückt, als ich mal kurz rausgehen und frische Luft schnappen wollte. Das Fatale: Sie hat die fünf „pilotigsten“ Bilder an die Gruppe „Hochzeit M+H“ geschickt. Doch dabei handelt es sich leider mitnichten um die JGA-Gruppe, sondern um die Gruppe, in der Brautpaar, Trauzeugen und engste Familienangehörige sich absprechen und organisieren. Und alle können sie nun sehen, was wir gestern Abend… und wo Maja überall ihre Hände… Eltern, Großeltern sowie Onkel+Tante und eine Cousine. Himmel! Hilfe!

Mein Handy vibriert erneut. Ein Anruf. Diesmal ist es Mirko, Hennings Trauzeuge. Oh Gott. Bislang hatten wir noch keinen direkten Kontakt außerhalb dieser WhatsApp-Gruppe. Während ich rangehe, male ich mir Katastrophen aus. Wie er mir jetzt sagen würde, dass Henning die Hochzeit platzen lässt, sich seine Eltern empört von Maja abwenden, ihre Eltern stinksauer auf mich sind… „Hallooo, ich weeeeiß, es tut mir leiiiiid“, jaule ich ins Handy. Ich höre ein Lachen am anderen Ende. „Guten Morgen. Hier ist Mirko“, sagt eine tiefe, warme Stimme dann. „Eigentlich wollte ich Maja sprechen. Aber die geht nicht ran.“ Henning sei zwar entsetzt gewesen, als er die Bilder gesehen habe, aber nur wegen seiner leicht spießigen Familie, nicht wegen seiner selbst oder weil er an Maja zweifle.

Ich erzähle Mirko von dem Gruppen-Missverständnis. Er lacht wieder. Dann verspricht er mir, das Ganze vor Ort aufzuklären und – falls nötig – Hennings Familie, die er von kleinauf kennt, zu beruhigen.

Ich bin erleichtert. Ein Verbündeter.

Der Anruf

Eine knappe Stunde später vibriert Majas Handy erneut. Diesmal wacht sie auf, wünscht mir schlaftrunken einen guten Morgen und wundert sich: „Wieso ruft mich Hennings Großmutter an…?“ Ach herrjemine. „Maja, vielleicht solltest du besser nicht…“ Doch sie hat schon abgenommen, verkrümelt sich samt der Oma am Ohr auf den Balkon.

Gebannt blicke ich zu ihr. Sie guckt verdutzt, sieht dann zu mir. Ich mache ein hilfloses Gesicht. Sie nickt, murmelt irgendetwas, guckt wieder verdutzt in die Ferne.

Mit demselben Blick kommt sie nach dem Telefonat wieder rein.

„Maja, ich…“, setze ich zaghaft an. Aber sie ignoriert es. „Das war Hennings Großmutter. Sie sagte: Da scheinst du ja einen illustren Abend gehabt zu haben. Schade, dass es das zu meiner Zeit noch nicht gab.“

Und dann bricht sie in Gelächter aus. Und alles ist gut. Puuuh.

 

(Bilder: imago)

Apropos Hochzeit:

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