Die neue Praktikantin

„Wir haben da gerade eine neue Praktikantin im Büro“, erzählt Mirko, „eine Studentin. Puuh.“

Wir sitzen beim Abendessen und lauschen dem Tag des anderen.

„Was ist denn mit ihr?“, frage ich. Auch ich habe im Laufe meines bisherigen Berufslebens hin und wieder festgestellt, dass junge Leute teilweise Respekt vermissen lassen, wenn sie in einen Betrieb hineinschnuppern dürfen/müssen, oder ihnen – für mich damals selbstverständliche – Manieren wie Grüßen oder Pünktlichkeit fremd sind. Oder jene, bei deren Rechtschreibung sich mir die Haare sträuben.

„Die ist irgendwie …“, Mirko überlegt, „nicht echt.“

„Wie, nicht echt? Hat sie gemachte Brüste oder so?“, schießt es mir sofort durch den Kopf.

„Nee. Sie instagramt.“

„Aaaah!“

„Ihre ganze Art, ihr Auftreten, die Art und Weise, wie sie spricht…“

Sofort weiß ich, was Mirko meint. Vor meinem inneren Auge tauchen die Bussi-Bussi-Mädels auf, die sich mit einem langgezogenen „Hiiiiiii“ begrüßen, sich so verhalten, wie sie es, so scheint mir, von RTL II oder irgendwelchen Scripted-Reality-Shows Tag für Tag vorgelebt bekommen. Beziehungsweise auf social media.

Denn auch wenn (Möchtegern-)Influencer oft betonen, dass ihnen Authentizität totaaaal wichtig sei und ihre Follower das auch schätzen würden: Mitnichten handelt es sich bei den Fotos auf ihren Profilen um „mal eben so geknipste“ Schnappschüsse. Da wird die unnatürlichste Pose mit teilweise bizarren (Werbe-)Accessoires als völlig selbstverständlich dargestellt, sei es am Traumstrand, an dem sie sich freuen, dass sie einen tollen Haartrockner dabei haben (WHAT?!),

 

in der Badewanne (mit Klamotten),

oder in den eigenen vier Wänden.

Haben diese Influencer-Frauen eigentlich noch ein „echtes Ich“? Eine Persönlichkeit, die sie OHNE die fast immer blendend gelaunte Influencer-Welt auf Instagram hätten? Oder ist ihnen das gekünstelte „Hallo meine Süßen!“-Gedöns so in Fleisch und Blut übergangen, dass DAS jetzt ihr echtes Ich ist? Diese Vorstellung finde ich erschreckend. Einst war dieses gekünstelt Freundliche den Leuten aus dem Fernseh-/Showbusiness vorbehalten, heute kann jeder seine Fake-Identität mit Hilfe eines Smartphones anlegen.

Wieder einmal bin ich saufroh, zu der Generation zu gehören, die ihre Kindheit und Jugend noch frei von Smartphone und social media verbracht hat. Nicht, dass ich es nicht großartig fand, mir als kleines Mädchen Prinzessinnenkleider überzuziehen, mir die Lippen knallpink zu schminken – und dann auf- und abzuspazieren oder mich von Mama knipsen zu lassen. Oder als Studentin mit der kleinen Digitalkamera festzuhalten, wenn ich mit meiner Kommilitonin Cocktails trinken war.

Aber all diese Momente gehörten mir, beziehungsweise uns. Momente voll echtem Leben.

Meine Fotos erinnern mich dementsprechend an alles Mögliche, was ich erlebt habe. Ist das bei Influencern auch so? Oder können sie nicht mehr anders, als bei jedem Foto schon im Moment des Entstehens sogleich an ihre Follower und die potenzielle Like-Anzahl zu denken? Können sie die Momente selbst überhaupt noch als real erlebten Moment empfinden statt als – sofern man ihn nur ins rechte Licht rückt – Like-Bringer?

 

(Bild: imago)

Hier findet ihr Artikel über Influencerinnen und Bloggerinnen aus der Region:

„Olali1987“ auf Instagram: Garrelerin inspiriert Follower

Kennzeichnungspflicht bei Instagram & Co.: „Ist das #Werbung – oder kann ich das so posten?“

Workshop im NWZ-Medienhaus: Regionale Influencer und Blogger vernetzen sich

Hier findet ihr die Facebook-Gruppe „Perlen des Influencer-Marketings“ mit weiteren irrwitzigen Instagram-Posts