„Ich brauche keinen Schlüppi, Mama!“

Oje. Hinter mir liegt eine der anstrengendsten Autofahrten meines Lebens. Und dabei war ich davon ausgegangen, dass es SOOO toll werden würde!

Ich war mit Maja und Eleonore unterwegs zum Hochzeitskleid-Abstecken und Stöbern nach einem Sommerkleidchen, das Maja irgendwann am späten Abend bei der Hochzeitsfeier gegen ihr Brautkleid einwechseln wollte.

Eleonore ist Majas Mama. Und eigentlich verstehen sich die beiden wirklich gut. Aber all das, was Maja an nervöser Aufregung angesichts ihrer bevorstehenden Hochzeit mit Henning NICHT zu verspüren scheint (stattdessen freut sie sich einfach auf diesen Tag), scheint sich in Eleonore in gigantischem Ausmaß zu manifestieren. Und damit wiederum treibt sie Maja zur Weißglut.

Morgens um 9 Uhr wollten wir drei aufbrechen. Um 8.53 Uhr klingelte ich bei Majas Elternhaus, wo Maja die Nacht verbracht hatte. Maja saß noch gemütlich am Frühstückstisch, hatte sich gerade ein Schoko-Brötchen geschmiert. Doch kurz, nachdem ich das Haus betreten hatte, schallte Eleonores Stimme durchs Haus: „Ah, Claudia ist da! Dann können wir ja aufbrechen!“ Tja. Dann lief sie auch schon zügigen Schrittes zur Garderobe, zog sich ein Sommer-Mäntelchen über und verkündete: „Ich fahr schon mal den Wagen vor!“ „Mama, ich ESS noch!“ Majas leicht gereizter Unterton ließ mich schon erahnen, dass ihre Stimmung ihrer Mutter gegenüber bereits… „angefasst“ war. Majas Schwester sah mich nur schweigend an und verdrehte die Augen. Oh je.

Draußen hörten wir, wie Eleonore den Wagen startete und tatsächlich schon aus der Garage fuhr. Maja stand auf, umarmte mich zur Begrüßung und sagte: „Sie dreht völlig durch.“ Maja, mit dem Schoko-Brötchen in der Hand, und ich gingen nach draußen, setzten uns in den Wagen.

„Hast du deine Schuhe mit?“ Eleonores Ton klingt fast schon vorwurfsvoll. – „Ja.“

Kurze Pause.

„Hast du deine Unterwäsche mit?“ – „Brauch ich nicht.“

„Was? Du brauchst doch die Unterwäsche, die du bei der Hochzeit tragen wirst!“ – „Nein, Mama! Unter DEM Kleid brauch ich keinen BH!“

„Du brauchst doch einen BH!“ – „NEIN!“

„Hast du denn die Unterhose dabei?“ – „Nein, Mama! Welchen Schlüppi ich druntertrage, ist völlig irrelevant!“

„Du bauchst doch eine Unterhose!“ – „NEIN! Das ist fürs Abstecken sowas von wurst!“

Puuuuuuuh. Angestrengt blicke ich aus dem Autofenster. Nichts könnte DIESE Situation gerade deeskalieren.

Auf der restlichen Fahrt beschränken sich unsere Wortwechsel auf ein Minimum. Als Maja dann in ihrem Kleid vor uns und der Schneiderin steht, versuche ich die Situation mit ein paar Komplimenten über das hübsche Kleid wieder aufzulockern. Es gelingt mir etwa zu einem Viertel.

Weiter geht’s zum Sommerkleidchengucken. Wir strömen in unterschiedliche Gänge. Vielleicht beruhigt sich die Stimmung dadurch ja etwas. Maja hat mir ihre Wünsche beschrieben: ein weißes, tailliertes Kleidchen, das bis übers Knie gehen soll. Falls mit Verzierung oder sonstigem – nur in dezentem Ausmaß.

„Guck mal, das is doch schön sommerlich!“ Eleonore hält ein Kleid in Majas Richtung hoch. Es ist übersät mit großen Blumen. „Nee, das ist mir zu bunt, Mama!“ – „Aber das sieht doch richtig fröhlich aus!“ „Jaaaa, schon! Aber ich möchte gern ein WEISSES Kleid!“ „Probier’s doch einfach mal AN!“

Schweigen.

Nach etwa 4 Minuten erneutes Rufen von irgendwoher: „Schau mal das hier!“ Maja sieht auf, läuft in Richtung Eleonore. Sagt dann: „Achso, nee, du bist schon bei Größe 38, das is’ ne Nummer zu groß…“ – „Aber 36 ist doch so eng, du isst ja dann auch viel am Abend, das spannt doch dann am Bauch.“ „Nein, Mamaaa, 38 ist zu locker, ich möchte ein Kleid in meiner Größe, in 36…“

Ich war froh, als wir wieder zu Hause waren. Mütter-Töchter-Duos können wirklich eine unglaubliche Energie entwickeln – in jegliche Richtung. Kennt doch jede, oder?

Später hat Maja mir noch erzählt, warum sie morgens schon so gereizt war: Sie hatte laut überlegt, was es zum Abendessen am Tag der standesamtlichen Hochzeit geben könnte.

„Da brauchen wir nichts“, hatte Eleonore gesagt.

„Hä? Doch, natürlich, warum das denn nicht?“ „Da können wir den Rest Hochzeitstorte essen, der vom Kaffee nachmittags über geblieben ist.“ „Was?! Nee, ich will da was zu Abend essen!“

„Da haben wir eh keinen Hunger, weil wir so aufgeregt sind!“

(Bilder: imago)