Hau bloß ab, 2018! Ein Horrorjahr geht zu Ende

Glühwein, Grünkohl und gebrannte Mandeln: Eigentlich sollte es ein feucht-fröhliches Treffen auf dem Lambertimarkt werden. Aber es kam anders.

Susanne, Andrea und ich plauderten so über dies und das. Ob wir schon alle Weihnachtsgeschenke hätten, was wir für Silvester geplant hatten, was im neuen Jahr anstehen würde. Aber dann platzte es aus Susanne heraus: „Ich will einfach nur, dass das Jahr zu Ende geht!“ Da stand sie mit ihrem Glühwein, mitten in der Menschenmenge, und eine Träne kullerte ihre Wange runter. Sie war nicht wütend, sie war einfach nur traurig.

Für Susanne war 2018 überhaupt nicht gut gelaufen. Das Jahr fing schon damit an, dass ihr Freund Schluss gemacht hatte. Plötzlich, aus heiterem Himmel: Dabei hatte er sie vorher noch gefragt, ob sie mit ihm zusammenziehen wollte. Das sollte mal einer verstehen!

Ein Schicksalsschlag nach dem anderen

Susanne hatte aber keine Zeit darüber nachzudenken, denn: Zwei Wochen später erkrankte ihre Mutter schwer. Susanne war noch völlig mitgenommen von der plötzlichen Trennung, da musste sie sich um die Mama kümmern. Als es bei ihr wieder bergauf ging, kündigte ihr Chef an, dass ihr befristeter Arbeitsvertrag wahrscheinlich nicht verlängert würde. Das war im Sommer. Also fing Susanne an, sich einen neuen Job zu suchen. Nebenbei musste sie noch mit massiven Rückenproblemen zu kämpfen gehabt, hatte selbst dauernd beim Arzt gesessen.

Nach einer ganzen Reihe Bewerbungsgesprächen fand sie tatsächlich eine neue Stelle. Aber auch mit der gab es Probleme: Der neue Chef merkte, dass er ihre Position eigentlich gar nicht brauchte. Er hatte sich verplant. Das eröffnete er Susanne Ende November. Noch in der Probezeit bekam sie die Kündigung – und stand jetzt vor Weihnachten, nach einem grauenvollen Jahr, wieder ohne Job da.

Kein Wunder also, dass Susannes Hoffnung dahinschwand. „Wenn 2019 so weitergeht, wie 2018 aufgehört hat, habe ich echt keine Lust mehr“, sagte sie. Die Tränen strömten nur so aus ihr heraus.

Andrea und ich wussten gar nicht, was wir sagen sollten. Wie sollte man jemand trösten, der das ganze Jahr nur Pech gehabt hatte, der eine Krise nach der anderen hatte managen müssen?

„2019 wird besser“, sagte ich. „Da bin ich mir ganz sicher.“ Ungläubig schaute Susanne mich an und brach wieder in Tränen aus.

Andrea hatte die bessere Idee zum Trösten: Sie sammelte unsere leeren Glühweingläser ein und schob Susanne aus der Menge hinaus ins nächste kuschelige Café. Sie bugsierte die vor sich hin schniefende Susanne auf einen Stuhl, der mit Flokati überzogen war, und bestellte ihr einen Tee. „Hier ist es doch viel gemütlicher“, sagte Andrea und lächelte. „Draußen ist eh Schietwetter. Viel zu stürmisch.“ Sie schüttelte sich.

Vom Pech verfolgt

Susanne erzählte von ihrem Pech, von ihrer Verzweiflung und dem Gefühl der Enttäuschung, das sie in diesem Jahr verfolgte.

„Ich hatte auch schon so richtige Horror-Jahre“, sagte ich. „Wisst ihr noch, als Mr. Big mich abserviert hat? Oder als ich diesen Typen kennengelernt habe, der auf einmal wie ein Geist verschwand?

Susanne nickt. „Na klar“, schniefte sie. „Das war echt übel.“

„Ja, da war ich auch am Boden zerstört – und habe gedacht: Warum eigentlich immer ich?“

„Das habe ich in diesem Jahr auch oft gedacht.“ Susanne schaute betrübt zu Boden. „Kaum hatte ich die eine Sache verkraftet, brach die nächste Katastrophe über mich hinein. Und jetzt – jetzt beginnt der verfluchte Bewerbungsmarathon von Neuem.“

Dazu machte ihr Vater noch Druck, sie solle sich endlich mal einen vernünftigen Job suchen. Sie habe ein Händchen für die komplizierten Dinge, anders könne er sich ihre Fehlgriffe nicht erklären. Bei Männern sei das wahrscheinlich das gleiche Problem. Sie sei selber Schuld, wenn sie sich immer die Falschen herauspicke.

Die liebe Familie

Ihre Mutter empfahl ihr, einfach mehr Sport zu machen. Dann wären die Rückenprobleme weg und ihre Speckröllchen bald auch. Dann würde es mit den Männern bestimmt auch bald wieder besser laufen. Dass Susanne neben der Pflege ihrer Mutter und den Bewerbungen wochenlang kaum Zeit für sich, für Sport, für Beziehungen blieb, sah niemand.

Und ihr Opa setzte sogar noch einen drauf: „Susannchen, warum bist du eigentlich nicht längst unter der Haube und wo bleiben die Enkelkinder?“

Andreas Geistesblitz

„Na herzlichen Glückwunsch!“, rief ich durchs ganze Café. „Deine Familie hat ja echt eine ganz sensible Ader!“

„Ja, auf Weihnachten habe ich deswegen auch gar keine Lust“, sagte Susanne. „Da muss ich mir nur noch weiter Vorwürfe machen lassen.“ Sie wisse nicht, wohin mit sich. Sollte sie Weihnachten ausfallen lassen? Aber das wäre ja auch traurig.

Andrea bestellte einen Grog für uns alle. Sie wollte gerade mit uns anstoßen, da hielt sie inne. „Wisst ihr was?! Ich habe gerade eine super Idee!“ Es war einer dieser genialen Geistesblitze, die Andrea gerade heimsuchten. „Bonny hat über Silvester frei, ich kann mir freinehmen – wie wäre es, wenn wir über die Jahreswende so richtig geil verreisen? Es sei denn, du hast da auch Lust drauf, Susanne?“

Susanne schnüffelte an ihrem Grog und plötzlich zauberte sich ein zaghaftes Lächeln in ihr aufgequollenes Gesicht. „Ich hab ja eh Zeit. Ich bin ja arbeitslos.“ Das Comeback des Galgenhumors war geschafft!

„Supi! Dann fliegen wir irgendwo hin – nach New York oder die Kanaren!“ Andrea war Feuer und Flamme. „Dann hast du wenigstens einen tollen Start ins neue Jahr – wie immer es dann auch weitergeht.“

„Darauf stoßen wir an!“, rief ich. „Hoch die Tassen!“

„Ihr seid echt die Besten!“, meinte Susanne – und diesmal waren es Tränen der Rührung, die in in ihren Augen schimmerten.

 

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