Hätte ich doch bloß mehr geschwänzt in der Schulzeit!

Fridays for Future und kein Ende der Diskussion: Selten wurde so viel übers Schwänzen gestritten wie in diesen Tagen. Die Schüler sollten besser samstags demonstrieren, heißt es in vielen Kommentaren. Und am Freitag bitteschön in der Schule was fürs Leben lernen!

Moment mal – fürs Leben lernen? Meine Schulzeit ist zwar schon ein bisschen her. Aber wenn ich so zurückdenke, sage ich mir manchmal insgeheim: Hätte ich mal mehr geschwänzt!

Denn: Wie viele Lebensstunden saß ich in der Schule – und nichts ist passiert. Also, mit „nichts“ meine ich, es stand Unterricht auf dem Plan, aber es gab keinen. Und das lag nicht immer daran, dass der Lehrer krank oder anderweitig verhindert war. Nein, in vielen Fällen gab es nur einen Grund: Der Lehrer hatte kein Bock – und suhlte sich in seiner Lustlosigkeit. Ihr glaubt mir nicht? Aber ja, ich übertreibe nicht.

Eis, Filme und Rock’n’Roll

Dieses Null-Bock-Haben äußerte sich auf verschiedene Art und Weise: Es gab Eis, und zwar oft! Oder der Klassenraum verwandelte sich in eine Public-Viewing-Area: Was für Filme und Fußballspiele ich alle während der Schulzeit gesehen habe – ganz großes Kino! Bei einigen Filmen hatten wir Schüler noch nicht mal die Altersbeschränkung überschritten. Aber egal, wir wüssten ja eh schon über alles Bescheid, mutmaßte der Lehrer. Sex, Drugs and Rock’n’roll! Der Gipfel der Lustlosigkeit war erreicht, wenn der Lehrer verschwörerisch grinsend seine Uhr vorstellte: „Ach, Kinners, so spät schon wieder, Schule ist aus, geht nach Haus!“

Klar, damals war ich diesen Lehrern oft undenklich dankbar. Schwierig wurde es nur, als ich diese Null-Bock-Typen in meinen Abi-Prüfungsfächern hatte. Was sollte ich lernen, wenn es kaum Unterricht gab? Was sollten die Prüfer mich fragen, wenn ich eigentlich gar nichts können konnte?

Ich will jetzt nicht alle Pauker über einen Kamm scheren. Auf keinen Fall. Es gab auch genug kreative und engagierte Lehrer, die mich großartig auf meinen weiteren Bildungsweg und das Leben vorbereitet haben. Keine Frage, diesen klugen Frauen und Männern habe ich viel zu verdanken. Aber: Hätte ich die Stunden geschwänzt, in denen es Eis und Spiele gab, hätten sich ganz neue Möglichkeiten aufgetan. Ich hätte in meiner Lebenszeit was Sinnvolles machen können, zum Beispiel ein Buch lesen, meine richtigen Freunde treffen (die nicht in meiner Schulklasse waren), eine Sprache lernen – oder eben demonstrieren gehen.

Ich will hier keine Werbung fürs Schwänzen machen. Viele Rektoren dulden das Demonstrieren am Freitagmorgen nicht. Das ist konsequent und richtig, denn sonst könnte ja jeder Schüler tun und lassen, was er will. Ich will nur sagen: Schule ist nicht alles. Manchmal passiert dort einfach nichts, was einem fürs spätere Leben was nutzt. Sicher gibt es Schüler, denen Fridays for Future völlig egal sind, die nur um der Freizeit Willen demonstrieren. Über diese „Schmarotzer“ beschweren sich einige voller Inbrunst. Aber drehen wir den Spieß doch mal um: Wie viele Lehrer gibt es, die ihren Unterricht nicht vorbereiten und stattdessen Filme mitbringen?

Ich hätte beim Demonstrieren jedenfalls oft mehr gelernt als in einigen Unterrichtsstunden: Treffen organisieren, Plakate basteln, Reden halten… und nicht zuletzt, mich mit Leidenschaft für eine Sache einzusetzen, die mir wirklich am Herzen liegt. All das hätte mich mehr fürs Leben gelehrt, als in der siebten Stunde das dritte Erdbeereis der Woche in mich hinein zu stopfen und darauf zu warten, dass der Lehrer, endlich, endlich, seine Uhr vorstellt und uns entlässt. Ach ja: Und das Eis hätte ich mir dann lieber in aller Freiheit am Wochenende gegönnt, wenn ich mich nach Demo und Schulwoche mit meinen heiß geliebten Kumpels amüsiert hätte.

 

Bilder: Imago