Der Mann, der wie ein Geist verschwand

„Ich fass es nicht! Wieso muss ich immer an solche Psychos geraten!?“ Natti haut sich die Speisekarte gegen den Kopf.

Wir haben uns zum Frühstücken im Café getroffen, und eigentlich hatte ich mich darauf gefreut, mir endlich persönlich von ihr alles über ihre neue Flamme erzählen zu lassen. Nach dem Desaster mit dem Familienvater schien es für Natti nämlich endlich wieder aufwärts zu gehen in Sachen Liebe: Über Tinder hatte sie Anfang Mai Christoph kennengelernt. Einen gleichaltrigen Blondschopf aus dem Saterland. Die beiden verstanden sich auf Anhieb gut, bändelten miteinander an, waren eigentlich schon ein Paar. Oder so gut wie. Sogar die gemeinsame Urlaubsplanung hatte er schon angesprochen.

Funkstille

Doch plötzlich, aus heiterem Himmel – meldet er sich nicht mehr. Seit drei Wochen.

Und: Nein, zugestoßen ist ihm nichts. Das kann Natti nicht zuletzt deswegen ausschließen, weil er auf Facebook aktiv war.

Und jetzt versteht Natti die Welt nicht mehr. „Es hat sich überhaupt nicht angedeutet vorher! Als er zuletzt übers Wochenende bei mir war, war alles wie immer!“

Sogar einen Begriff gibt es dafür, wie sie mir erzählt: Ghosting.

 

Als Erklärungsansatz für Betroffene dienen die folgenden drei Gründe, warum ein Mensch es nicht für nötig hält, einen klaren Schlussstrich zu ziehen:

Es hat einfach nicht gefunkt! Oder es war nur ein Strohfeuer, ein Abenteuer, eine Übergangsbeziehung. Auch, wenn es sich für den anderen anders anfühlte oder der Expartner mit seinen Äußerungen und Handlungen einen gegenteiligen Eindruck erweckt hat.

Der Expartner hat narzisstische Züge. Menschen mit dieser Persönlichkeitsstruktur ordnen den Schmerz, den ihr Abtauchen beim anderen verursacht, ihrer Angst vor Auseinandersetzung unter.

Bindungsangst! Sobald es ernst wird, empfindet der Bindungsängstliche die Nähe als Bedrohung und flieht. Die Ursachen für Bindungsangst sind in der Kindheit oder in negativen Beziehungserfahrungen zu finden – das Urvertrauen in zwischenmenschliche Bindung fehlt.

Quelle: Ghosting – Zehn Warnsignale vor der Trennung

 

Auf Verwunderung folgt Verzweiflung

Zuerst war Natti verwundert und irritiert, dass sie von Christoph nichts hörte. Dann schrieb sie ihm: „…alles okay?“ Doch als immer klarer wurde, dass ihm nichts zugestoßen war, sondern er sich einfach sang- und klanglos aus dem Staub gemacht hatte und nicht mehr auf ihre Nachrichten reagierte, riss sie das richtig rein.

Hatte sie irgendwas Falsches gesagt?
Hatte er ihr ihre kleine Frotzelei, als sich die beiden beim gemütlichen Pizza-Netflix-Abend gekabbelt hatten, übelgenommen?
Konnte er der Tinder-Versuchung nicht widerstehen und hatte eine andere kennengelernt?
Oder eine alte Freundin wiedergetroffen?

Apropos Tinder. Obwohl in Zeiten von Social Media (fast) jeder ständig am Smartphone klebt und der Eindruck vermittelt wird: Jeder ist jederzeit austauschbar – klick einfach hier oder wische nach dort, um deinen nächsten potenziellen Traumpartner kennenzulernen, ist „Ghosting“ ja nix Neues. So ein englischer Geist klingt halt nur viel hipper als irgendwas Deutsches. Auch vor Jahrzehnten gab es schon Menschen, die nicht den Arsch in der Hose hatten, zu etwas oder jemandem zu stehen beziehungsweise ihm die Wahrheit zu sagen. Stichwort: „Ich geh mal eben Zigaretten holen.“

Das Fiese ist, so lese ich später in einem Interview mit einem Psychologen, dass der Trennungsschmerz beim Verlassenen eben auch deshalb so groß ist, weil es so viele unbeantwortete Fragen gibt. Denn ungelöste Aufgaben bleiben eher im Gedächtnis, während erfolgreich abgeschlossene abgehakt werden können – und somit Raum für Neuorientierung schaffen. Die Psychologie bezeichnet das als „Zeigarnik-Effekt“.

Breadcrumbing

Als ich gerade anfange, laut zu überlegen, ob mir selbst auch schon mal ein „Ghost“ untergekommen ist, kommt Natti – plötzlich hellwach und für einen Moment aus ihrer Tristesse befreit – mit dem nächsten hippen Fachbegriff um die Ecke: „Nee, du hattest schon mal einen Breadcrumber! Florian!“

Häää?

Florian ist mein Ex-Freund. Wir waren einmal für mehrere Monate getrennt, bevor wir ein zweites Mal ein Paar wurden. Und diese Zeit war ziemlich … anstrengend und nicht schön. Denn während ich gern wieder etwas Neues mit ihm aufbauen, Schritte aufeinander zugehen wollte, war er immer so … unverbindlich. Und wenn ich dann gerade drauf und dran war, mich von ihm loszusagen, kam plötzlich ein Anruf oder eine Nachricht von ihm – als würde er spüren, dass ich gerade aufhöre an ihn zu denken.

„Eben“, meint Natti, „er hat dir immer wieder ein paar Brotkrumen hingeworfen, um dich bei Laune zu halten. Hat hier mal dein Profilbild geliked oder dich dort bei irgendwas Witzigem auf Facebook verlinkt. Aber zu hundert Prozent war er nicht bei dir!“

Ich bin perplex. Weiß gar nicht so recht, was ich dazu sagen soll. Nicht, dass ich Florians Verhalten im Nachhinein besser oder schlechter finde. Dieses „Breadcrumbing“ drückt es halt genauso frustrierend aus, wie es ist.

Mit etwas mehr Elan war Florian tatsächlich erst wieder dabei, als ich längere Zeit auf Distanz ging und er von Tom, meiner damaligen Sommer-Romanze, Wind bekam.

„Hach jaaa… Tom.“ Ich seufze. Dass ich meine Sommer-Romanze – aus der durchaus etwas Tieferes hätte entstehen können – für einen „Breadcrumber“ beendet habe, klingt noch blöder, als es sich eh schon anfühlte. Manchmal sind wir wohl zu vernebelt von Gefühlen und Wunschdenken, als dass wir das ein oder andere Psycho-Etikett des vermeintlichen Traummannes nicht lesen können – oder wollen.

 

(Bilder: Imago)