Der Ausflug in die Welt der Mega-Blondinen

„Hi Nadine, komm r… -Oh! WOW!“ Mehr kann ich gar nicht mehr sagen. Völlig baff stehe in der Tür, die ich meiner Freundin Nadine just geöffnet habe. Zumindest hatte ich Nadine erwartet – sie ist es auch, die da gerade bei mir geklingelt hat; aber dort, wo normalerweise ihre maximal kinnlangen Haare im Wind zersauseln, prangt plötzlich eine blonde Riesenmähne, die sich völlig unbeeindruckt von der derzeitigen Brise zeigt. Nadine hat sich tatsächlich klammheimlich Extensions einsetzen lassen.

„Mhmhm, hi Claudia“, nuschelt sie ein bisschen in sich hinein und huscht schnell an mir vorbei in meine Wohnung.

Was ist hier denn los?

Ich wusste, dass Nadine schon lange von einer feinen, fließenden Wallemähne auf ihrem Kopf geträumt hat. Ihre eigenen Haare hat sie meist als „Spaghettihaare“ bezeichnet. Ihre nicht gerade glücklich wirkende Reaktion irritiert mich nun völlig.

So läuft das mit Tape-In Extensions

„Das sind Tape-In Extensions“, klärt mich Nadine jetzt auf, „im Gegensatz zu Bondings werden die Tressen einfach ins echte Haar geklebt. Ist sogar schonender für die Haare.“ Aha, denke ich – immer noch völlig geplättet von dem ungewohnten Anblick. Mehr als 500 Euro hat Nadine für die Extensions samt Vorarbeit und „Installation“ ausgegeben.
Hossa.
Tragen lassen sich die Dinger jetzt ein Jahr lang. Nur alle paar Monate müssen die Strähnen rausgelöst und hochgesetzt werden. Der Preis hängt von der Menge der Tressen und der Länge ab. Je länger, desto teurer.

Mehrmals hatte ihre Friseurin sie gefragt, ob sie das auch wirklich wolle. – Ja, Nadine war sich absolut sicher! Vielleicht auch deshalb, weil sie Veränderungen einfach super spannend findet. Ihre eigenen Haare hatten schon Farben durch die ganze Palette: Rot, Schwarz, 50 Shades of Blond, Silber, Grau, Rosa, Pastell-Lila, Kupfer, Braun… Ganz zu schweigen von den Frisuren. In kurzer Zeit ging‘s von schicken Locken bis zum kecken Kurzhaarschnitt und wieder zurück.

Zehn bis fünfzehn Zentimeter müssen die eigenen Haare mindestens lang sein für die Extensions, eine Woche vor dem Termin wurde Nadines natürliche Haarfarbe den Extensions angepasst. „Einen Tag vor dem Termin mischte sich in die Vorfreude unterschwellig etwas Angst“, gesteht mir Nadine. Wie würde das Ganze aussehen? Sie hatte ein gestochen scharfes Bild im Kopf…

Und dann saß sie da, auf dem Stuhl im Salon. Obwohl die drei Päckchen mit blonden Haaren nicht viel aussahen, schienen sie doch endlos zu sein. Von unten nach oben arbeitete sich die Friseurin vor, zog nach und nach die Klebestreifen ab und setzte die drei Zentimeter breiten Strähnen ein. Die Haare reichten Nadine fast bis zum Bauchnabel. „Da geht noch was ab“, beruhigte die Friseurin sie. Immerhin müsse sie noch nachschneiden und anpassen.

Nach zwei Stunden waren alle drei Päckchen auf Nadines Kopf. Zum Nachschneiden stellte sie sich vor den Spiegel. „Im ersten Moment war ich baff“, sagt sie, „irgendwie schien es mir aber doch surreal. Die Haarverlängerung ging weit über das hinaus, was ich mir in meinem Kopf vorgestellt hatte. Quasi von Null auf Hundert – auf Vollblondine. Von kurzem Bob auf blonde Wellen; halber Meter.“ Zwar war sie mit dem Aussehen nicht direkt unzufrieden – trotzdem machte sich in ihr ein ungutes Gefühl breit; eine Mischung aus Unwohlsein und Angst.

Was wird der Liebste sagen?

Über das Wochenende fuhr Nadine dann zu ihrem Freund – und wollte die Extensions am liebsten wieder rausnehmen. Alles einfach ungeschehen machen. Nur widerwillig trat sie ihrem Liebsten unter die Augen, zähneknirschend offenbarte sie die Extrem-Veränderung. Doch er nahm‘s gelassen: Wenn Nadine sich wohlfühle, sei er auch zufrieden. „Nur das mit dem Wohlfühlen war so eine Sache“, erzählt Nadine, „ich weiß gar nicht, warum mir diese Haarpracht das Leben so schwer machte. Die XXL-Mähne sah wow aus, und auch die Reaktionen waren fast ausnahmslos positiv.“ Das Wochenende verging – und noch immer saß sie wie ein langhaariges Häufchen Elend auf dem Sofa. Die Extensions waren schwer und lang. Nadine wusste nicht so recht, wohin damit. Vielleicht würde es ja helfen, einfach noch mehr abzuschneiden, dachte sie beim Blick in den Spiegel. Und setzte die imaginäre Schere an: Gut die Hälfte müsste ab. Bei dem Preis wäre das ein ziemlich saurer Biss in den Apfel. Schließlich legte sie sich auf „Abwarten und eingewöhnen“ fest. Beim Gang ins Büro waren ihr natürlich alle Blicke sicher. Für Nadine etwas unangenehm – zum einen steht sie ungern im Fokus, zum anderen musste sie lang und breit erzählen. Von der Wallemähne, die ihr immer noch Bauchschmerzen bereitete.

„Und ehrlich gesagt“, setzt sie nun erneut zähneknirschend an, „ich hab‘ mich dafür entschieden, die Notbremse zu ziehen. Deswegen wollte ich fragen, ob du mich auf meinem Walk of shame zum Friseur begleitest, wo ich mir die Extensions wieder rausnehmen lassen werde.“

Puuh. Ich merke, dass Nadine ein wahnsinnig schlechtes Gewissen hat, weil sie so viel Geld verballert hat für diese Viertages-Aktion. Andererseits: Die seelische Gesundheit geht vor. „Klar, dann mal los!“, sage ich aufmunternd.

Zwei Stunden saßen wir dann bei Nadines Friseurin. Mit Hilfe von viel Öl und viel Lösungsspray verwandelte sich Wallemähne-Nadine wieder in die „echte“ Nadine.

Wunsch nach Perfektion

„Ich glaube, in dem ganzen Haar-Drama spielte auch mein Wunsch nach Selbstoptimierung eine Rolle“, grübelt Nadine auf dem Rückweg. Vor zwei Jahren stand sie fünfmal die Woche im Fitnessstudio auf der Matte, um sich später einen Proteinshake und das aufs Gramm abgewogene Knäckebrot reinzupfeifen. Zum „schön und schlank“ sein gehörten für sie auch lange Haare. Nicht ihre Fitzelhaare, die einfach nicht wachsen wollten.

„Aber weißt du, was mir mein Ausflug in die Welt der Mega-Blondinen gebracht hat?“, sagt Nadine. „Definitiv über das ganze Thema Selbstliebe nachzudenken. Ich mag meine kurzen, dünnen Haare genauso wie meine Oberarme, meine Speckrollen, meine Beine oder meinen Pfirsich-Hintern. Und ich weiß nun, dass äußere Veränderungen nicht immer mit Glücksgefühlen einhergehen. Von Extensions würde ich niemandem abraten – es sollte eben zum Typ passen. Aber wie sagt man so schön: Hinterher ist man immer schlauer.“

Die Wallemähne-Haare liegen jetzt übrigens sauber verwahrt in ihrem Wohnzimmer.

 

 

(Bilder: imago/privat)