EX-plosionsgefahr: Bonny und die Neue vom Verflossenen

Ein grausiger Tag steht mir bevor. Eigentlich sollte ich auf der Stelle krank werden, mir ein Bein brechen, flugs eine wasserdichte Ausrede erfinden. Aber ich kann mich nicht drücken. Meine Freunde Britta und ihr Ralfi machen eine Babyparty. Sie erwarten ihr erstes Kind und in der weisen Voraussicht, sich nicht die ganze Ausstattung allein kaufen zu müssen, laden sie ihre Freunde ein. Im Gegenzug erwarten sie Geschenke. Das haben sie sich fein ausgeheckt! Wenn ich da also nicht pünktlich im Sonntagsoutfit und mit Päckchen in der Hand auf der Matte stehe, kündigen die beiden mir die Freundschaft. Das will ich auf keinen Fall riskieren.

Herausputzen ist das Gebot der Stunde. Alles, was geht, muss jetzt her: bestes Kleid, beste Frisur, Lieblings-Ohrringe. Falten weg. Pickel weg. Das ist wichtig – nicht nur für Britta und Ralfi, bei denen immer alles tipptop sein muss, auch die Gäste.

Der Hauptgrund meiner großen Unlust: Es ist eine Babyparty mit Nebenwirkungen. Ich werde heute auf meinen Ex Anton und – viel schlimmer – die Neue meines Ex treffen. Darauf will ich vorbereitet sein. Bestens.

Nichts wäre schlimmer, als wenn sie schöner, cooler oder netter rüberkommen könnte. Da habe ich meinen Stolz.

Hinzu kommt, dass ich alleine zu der Party gehe, weil mein neuer Freund Ferdi auf einer anderen Party tanzen muss. So ist das Leben, was soll ich tun. Also Krönchen auf und strahlen.

Geschenke-Orgie, Kaffeeklatsch – das alles ist schnell überstanden. Aber vom Ex und von IHR keine Spur. Wo stecken die denn? Oder bleibt mir das Übel tatsächlich erspart?

Das Déjà-vu

Doch dann, nach dem Kuchenessen, die ersten Bierflaschen ploppen, schneien sie plötzlich zur Wohnzimmertür rein – sich vielmals entschuldigend. Sie seien zu spät, weil sie erst das Geschenk nicht gefunden, dann den Autoschlüssel gesucht und sich schließlich verfahren haben. Sofort quellen bei mir die Erinnerungen über. Eine perfekte Serie von Déjà-vus! Auch ich bin damals mit Anton – nicht nur einmal! – zu spät zu wichtigen Feiern gekommen: weil sein Anzug nicht gebügelt war, der Mittagsschlaf zu lange dauerte, das Auto kaputt war. Am schlimmsten war es – ausgerechnet – bei der Hochzeit seines besten Freundes. Und er war auch noch Trauzeuge – Drama pur.

Gut, dass diese stressigen Zeiten vorbei sind, denke ich, und kann mir meine mitleidvolle Miene nicht verkneifen. In mir keimt Schadenfreude auf.

Im nächsten Moment aber, mitten im Partygewimmel, fällt mein Blick auf SIE. Ich bin entsetzt – zunächst. Sie ist einfach rundum sympathisch. Sie ist eine, die weder schön noch cool noch besonders nett sein will, sondern es einfach ist. So offen, so normal, so freundlich. Auf der Stelle würde ich sie ansprechen und mich mit ihr anfreunden, wenn sie nicht mit ihm hier wäre. Aber warum eigentlich nicht? Manchmal muss man über seinen Schatten springen. Ich begrüße die beiden – und tatsächlich entwickelt sich mit ihr sofort ein Gespräch. Meine Freundin Britta HASST Antons Neue, das hat sie mir mehrmals versichert. Warum das so ist, kann ich hier und heute aber gar nicht nachvollziehen!

Klasse Small Talk

Wir plaudern über dies und das – Arbeit, gemeinsame Freunde, Hobbys und Reisen. Klar, es ist Small Talk, aber erstklassiger Small Talk. Anton steht nur daneben mit seiner Bierpulle. Wie angewurzelt. Er sagt nichts, er fragt nichts, er starrt nur. Hat er ihr überhaupt erzählt, dass ich mal mit ihm zusammen war? Weiß sie, wer ich bin? Ich bin mir nicht sicher. Vielleicht ist er in dem ganzen Stress „ja gar nicht dazu gekommen“.

Fröhlich unterhalten wir uns weiter, lachen, besorgen uns ein Glas Sekt und stoßen an. Herrlich lustig ist es mit der Dani – wer hätte das gedacht?

Britta und Ralfi beobachten uns argwöhnisch, auch der Rest der Partygesellschaft steckt die Köpfe zusammen. Ich und Antons Neue – was soll das, wie kann das sein? Alle erwarteten böse Blicke, unsicheres Abtasten, peinliches Schweigen zwischen uns, aber keine beginnende Frauenfreundschaft. Ein bisschen komisch kommt es mir aber doch vor. „Weißt du überhaupt, dass Anton und ich mal-…“, fasse ich mir in meiner Sektlaune ein Herz. „Ja klar!“, sagt Dani und haut mir lachend auf den Rücken. „Aber unter uns: Das mit Anton wird nicht lange halten. Der ist ja so ein Chaot!“

Ich zucke zusammen. Augenblicklich steckt mir ein Kloß im Hals. Puh, jetzt steigt mir das Ganze doch über den Kopf. Klar, mein Ex war immer ein Chaot, aber ein liebenswerter, der Toni. Fieses Gerede hinter seinem Rücken hat er nun auch nicht verdient. „Ich muss mal“, stammele ich nur und schwirre ab. Ich schließe mich auf dem Klo ein, um zu grübeln: Anton soll abgesägt werden – soll ich ihm das sagen oder lieber nicht?

 

Bilder: Imago