Eiskalter Einbruch in Bonnys Seele – So reagiert man bei Ghosting

„Mir geht’s vom Kopf her scheiße.“ Das waren die letzten sechs Worte, die ich von Paul hörte. Aus seiner Nachricht schloss ich, dass er schlichtweg unsere Verabredung absagen wollte – wegen Kopfschmerzen. Doch tatsächlich hörte ich NIE wieder von ihm.

Dass sich jemand ohne Ansage aus dem Leben eines Anderen stiehlt, passiert anscheinend sehr oft. Nachdem Claudias Freundin Natti in unserem Blog von ihrer Ghosting-Erfahrung berichtete, traue ich mich jetzt auch, von der unheimlichen Geschichte mit Paul zu erzählen.

Am ersten Tag nach seiner unbeholfenen Nachricht machte ich mir Sorgen: War was passiert? Ein Unfall? Eine Kündigung bei der Arbeit? Eine schlimme Diagnose? Oder war ein Verwandter gestorben? Diese Fragen schießen einem sofort durch den Kopf, wenn jemand sich plötzlich nicht mehr meldet. Vor allem, wenn man ein paar Monate mit einigen Katastrophenmeldungen aus dem Freundeskreis hinter sich hat. Da rutscht einem das Herz in die Hose. Klar, hatte ich nachgefragt, was los sei, aber ich bekam keine Antwort.

Das Seltsame war: Er war aber öfter online. Schnell begriff ich: Ich hatte es mit einem „Geist“ zu tun. Paul war wie vom Erdboden verschluckt. Obwohl er erst keine Mühen und Mittel gescheut hatte, mein Herz zu erobern. Längere Wege auf sich nahm, um mich zu sehen. Vorgab, sich um mich zu sorgen. Doch mit dem plötzlichen Schweigen des Geistes ist das Kind in den Brunnen gefallen, ohne dass man je die Chance gehabt hätte, es festzuhalten.

Was macht man, wenn jemand sich ohne Abschied für immer verdrückt? Klar, die beste Freundin anrufen und sich ausheulen. Ich muss zugeben, dass ich auch direkt erst mal nachschaute, ob in meiner Wohnung was fehlte oder zu viel war. Hatte er einen Schlüssel mitgenommen, eine Kamera aufgehängt? Ein bisschen ist dieses Misstrauen sicherlich auf meinen zeitweise hohen Krimi-Konsum zurückführen. Aber: Ich hatte jemanden in meine Wohnung gelassen, von dem ich jetzt nicht mehr wusste, wer er war. Schon gruselig. Ich fühlte mich, als wäre ich einem Heiratsschwindler auf den Leim gegangen. Oder als hätte ich freiwillig einem Einbrecher die Haustür geöffnet.

Gab es Paul überhaupt? Vielleicht hieß er in Wirklichkeit anders, hatte einen ganz anderen Job (oder gar keinen?) und zog solche Nummern öfter durch. Vielleicht hatte er am Wochenende nicht Freunde oder seine Eltern in der Heimat besucht, sondern hatte sich um Frau und Kinder, die vielleicht woanders lebten, gekümmert. Vielleicht war Paul ein Psycho, der sich in das Leben anderer schlich, um sie auszuspionieren. Oder er wollte sich für das, was andere Frauen ihm angetan hatte, „rächen“. Jedesmal, wenn ich dran dachte, lief mir ein eiskalter Schauer den Rücken runter. Die ersten Tage nach Pauls Verschwinden, schloss ich nachts meine Haustür ab und ließ den Schlüssel stecken. Es war einfach zu spooky.

Wie erholt man sich von so einem Schlamassel? Da „Ghosting“ anscheinend sehr oft passiert (und nicht nur Frauen!), gibt es im Internet viele Tipps. Man solle dem Ghost bloß keine Nachrichten mehr schreiben, dadurch fühle er sich nur umgarnt und wichtig. Man solle sich rar machen. Meine Erfahrung ist aber, dass es gut ist, eine Nachricht mit der deutlichen Ansage „Bitte melde dich“ zu schicken. So bekommt man für sich noch einmal Klarheit, dass er wirklich abtauchen will und wartet nicht womöglich noch wochenlang darauf, dass er sich doch noch meldet.

Auch solle man bei WhatsApp seinen Status ändern, also sein Bild gegen ein neues tauschen, das einen mitten in seinem ansonsten schönen Leben zeigt. So könne man außerdem sehen, ob der Ghost die Statusmeldungen noch weiter verfolgt (funktioniert allerdings aus meiner Erfahrung nur bei Android). Wenn er dann doch wieder mit neuen Anbandelungsversuchen auf der Bildfläche erscheinen sollte, sollte man ihn unbedingt abblitzen lassen. Ihm maximal ein paar Tage später erklären, dass er keine Rolle mehr für einen spielt. Diese Ratschläge helfen im ersten Moment weiter – einfach, weil es wichtig ist, sich selbst Klarheit zu schaffen, um schnell wieder die Kontrolle zu übernehmen. Gut tat mir auch, dass ich mit einem von Pauls Geschlechtsgenossen über den Fall sprach und er ebenso entsetzt über Pauls Verhalten war. „Ich wäre total am Ende, wenn mir sowas passieren würde“, sagte er. Manchmal hilft es, die Meinung eines Mannes dazu zu hören.

Ein Problem lässt sich aber auch durch all diese Verhaltenstipps nicht lösen: Sie beantworten nicht die Frage nach dem „Warum“. Das ist nämlich das Schlimmste am Ghosting. Ich stellte mir ähnliche Fragen wie Claudias Freundin Natti, wochenlang: Habe ich was Falsches gemacht oder gesagt? War er in Wirklichkeit verheiratet? Hat er von Anfang an nur geplant, sich in mein Leben zu schleichen, um mich zu benutzen und dann wieder abzustoßen? Die Frage, wie man die quälende Grübelei loswird, beantwortet einem niemand. „Denk dir einfach den schlimmsten Grund aus, den es geben kann“, riet mir eine liebe Freundin. „So schlimm, dass du ihn richtig hassen kannst.“ Das sagte sie in der Hoffnung, dass ich möglichst schnell über diese Geschichte hinwegkommen würde. Ein guter Tipp, zumal ich schon mal in einer ähnlichen Situation war und damals auch nur mit einer eigenen, schlüssigen Geschichte eine Wissenslücke scheinbar schloss, um damit abzuschließen.

Ich überlegte also, welche Erklärung mir am schlüssigsten erschien. Dass er verheiratet war, war möglich, konnte ich mir bei dem pubertären Verhalten aber gar nicht vorstellen. Dass ich ihn durch irgendeine blödsinnige Bermerkung in die Flucht geschlagen hatte, redete mir die Freundin komplett aus: „Auch das hätte er mit Worten klären können“, sagte sie. Dass er wen anders kennengelernt hatte, war möglich, aber für mich auch nicht plausibel: Das wäre ja die beste, einfachste Begründung für ein „Schlussmachen“ gewesen. In die auch wahrscheinliche Geschichte, dass er die ganze Sache von vornerein nur als kurze Nummer geplant hatte, um sich zu beweisen, wollte ich mich gar nicht länger hineinsteigern. Das war mir zu unheimlich. Ich wollte den Glauben an die Männerwelt nicht komplett verlieren.

Oft steht hinter Schweigen Scham, sagte ich mir. Auch für Scham kann es viele Gründe geben. Letztendlich erklärte ich mir Pauls „Kopfschmerzen“ aber so: Er musste ein größeres psychisches Problem haben, Was nicht heißen soll, dass alle, die psychisch erkrankt sind, so feige handeln. Aber für mich ganz persönlich war es nicht die schlimmste, aber die verständlichste Erklärung – auch weil das Ghosting so komplett dem Verhalten widersprach, was er bei mir an den Tag gelegt hatte. Offenbar verwandelte er sich ab und zu, wenn es ihm schlecht ging, in einen ganz anderen Menschen. Er musste krank sein.

Das Wichtigste aber war – und das ist mein Tipp für alle Ghosting-Opfer: Ich habe meine Tür schnell wieder geöffnet. Damit wieder gute Geschichten hereinspazieren. Und die unheimlichen Erinnerungen aus dem Herzen und den eigenen vier Wänden vertreiben. Man sollte sich nicht blindlings in was Neues stürzen, aber frohen Mutes neue Kontakte schmieden. Ich hörte auf mein Bauchgefühl und lud einen lieben Menschen zum Frühstücken ein. Das war nicht die schlechteste Idee. Um einen Ghost zu erkennen, hilft Bauchgefühl aber rein gar nichts – man kann so etwas nicht voraussehen. Diesen schwachen Menschen kann man nur sagen: Zum Glück gibt’s noch Typen auf dieser Welt, die sich nicht so stumpf, eiskalt und abgebrüht verhalten.

 

Bilder: Imago