Die ungeheure Macht der Vormieter

Mädelsabend unter zwei Leidensgenossinnen: Claudia und ich saßen letztens bei einem Glas Wein in meiner neuen Wohnung – und sie schüttete mir ihr Herz aus: Wie schwierig es doch sei, einen vernünftigen Nachmieter zu finden! Was für Leute sich bei ihr gemeldet hätten…! Ihre Nachmietersuche klang wirklich furchtbar mühselig, aber ich musste doch sagen: „Auch Vormieter können ziemlich harte Brocken sein.“ Ich war genauso durch die Hölle gegangen, nur eben mit dem Kerl, der vorher in meiner wunderschönen Wohnung lebte. Nichts, gar nichts – keine tonnenschwere Waschmaschine, kein zerbrochener Spiegel, keine 33 Bücherkisten – konnten mich beim Umzug noch so unter Strom setzen, wie er es geschafft hatte. Ich erinnere mich noch gut daran, wie erleichtert ich war, als die Tür nach der Wohnungsübergabe ins Schloss fiel und ER endlich weg war.

Dabei hatte alles gut und freundlich angefangen. Schon als ich nur in den Flur trat, wusste ich: Diese Wohnung will ich haben. Sie ist ein Sechser im Lotto, so eine würde ich in drei Jahren nicht noch mal finden – waren mir auf meiner Suche doch so einige Oldenburger Bruchbuden untergekommen. Oft hatte es einen dicken Haken gegeben, der in der Anzeige nicht ersichtlich war: großer Renovierungsbedarf, massenhaft Gartenarbeit inklusive, äußerst schattiger Balkon. Es zog schon im Frühjahr wie Hechtsuppe, die Wohnung lag eher im Souterrain statt im Erdgeschoss oder es sollte doch mehr kosten als angegeben.

Jaja, Madame hat ihre Ansprüche, würden jetzt einige sagen. Aber die darf man ja wohl haben, bei den Preisen.

Im zweiten Moment wurde mir klar: Ich müsste alles tun, um den Vormieter auf meine Seite zu bringen. Denn er würde mich der Vermieterin vorschlagen. Und die Konkurrenz war groß: Es gab zehn weitere Interessenten. Der Vormieter, ein auf den ersten Blick netter Kai, legte mir den Ablösevertrag für die Küche und weitere Möbel vor, die in der Wohnung bleiben sollten.

Mitsamt Verzichtserklärung fürs Streichen. Er sagte es nicht, aber ich verstand sofort: Würde ich das nicht unterschreiben, wäre ich trotz gepflegten Auftretens, festen Jobs, keines Haustiers und meines überzeugten Nichtraucher-Daseins raus. Dann würde Kai eben den vorschlagen, der den Vertrag wie aufgesetzt akzeptierte. Bei den vielen Interessenten würde es schon den ein oder anderen geben, der um die traumhafte Wohnung kämpfen würde.

Ein paar Tage später, ich hatte gar nicht damit gerechnet, kam der erfreuliche Anruf: Ich durfte einziehen. Juchhuu! Jetzt ging’s ans Eingemachte – allerdings auch mit meinem geschäftstüchtigen Vormieter. Das Geld für die Ablöse sollte ich bei Unterschrift des Mietvertrages, also drei Monate vorher, überweisen. Ich weigerte mich. Wer weiß, was in der Zeit noch kaputtging! Auch wenn Kai nicht so aussah, als würde er Abbruchpartys feiern, wollte ich ihm nicht mein volles Vertrauen schenken. Ich überwies also eine Anzahlung, mehr nicht. Kai war so gar nicht begeistert, aber egal: Ich wollte ihn ja nicht heiraten. Ich beschloss, es auszusitzen.

Zwei Wochen vor dem Umzug war ich froh, dass ich den größten Teil des Geldes noch hatte: Plötzlich hatte Kai sich überlegt, dass er in seiner neuen Wohnung sehr gut einen Kühlschrank brauchen könnte. Er wollte seinen alten, also den aus meiner zukünftigen Wohnung mitnehmen. Dumm nur, dass der im Ablösevertrag stand. Das hatte Kai auf der Stelle vergessen. Er hätte ja schon bei der Besichtigung gesagt, dass er den eventuell mitnehmen wolle und überhaupt: Im Vertrag würde nur „evtl. Kühlschrank“ stehen. Ich konnte mich an nichts erinnern, dafür aber lesen. Im Vertrag stand nichts von „evtl.“ oder „vielleicht“ oder „nach Absprache“.

Es kam zu einem kurzen, heftigen Wortgefecht zwischen Kai und mir. Der konnte doch nicht einfach den Kühlschrank ausbauen und trotzdem die komplette Summe einstreichen! Genau so hatte er es aber vor. „Ich erwarte, dass der Kühlschrank in der Wohnung bleibt“, hielt ich bestimmt fest, „oder wir müssen neu verhandeln.“ Verhandeln war ein Schimpfwort in Kais Ohren. „Na gut, wenn du es so willst!“, fauchte er ins Telefon. „Du kriegst eine Traumwohnung in einem absoluten Topzustand und jetzt stellst du dich nur wegen des Kühlschranks so an!“ Er tat so, als würde er mir eine Eigentumswohnung verkaufen und als würde ein Kühlschrank zehn Euro kosten. Ich sagte nichts.

„Wenn du auf den Kühlschrank bestehst, wirst du aber auch für den letzten Tag im Monat noch Miete zahlen!“, verkündete das ausgeflippte Rumpelstilzchen am Telefon. Ich zahlte Miete ab dem 1. Dezember und er verlangte noch Geld für den 30. November, weil ich schon dann einziehen würde. „Schön, dass wir uns dann doch noch einigen konnten“, sagte ich nur trocken. Ich fand es kleinlich, noch für einen Tag Geld zu verlangen, aber ansonsten war es mir wurscht. Ich streite mich nicht um 20 Euro, das war noch nie meine Lebensphilosophie. Kai brüllte noch irgendein unverständliches Zeug und drückte mich dann weg.

Tja, mit sowas muss man sich im schlimmsten Fall herumscheren, wenn Vormieter über Nachmieter entscheiden. Aber es kam noch doller: Bei der Wohnungsübergabe kurz vorm Umzug diskutierten wir, was im Übergabeprotokoll festgehalten werden sollte, wie bedeutsam funktionierende Türklinken seien und ob ein Klodeckel zur Wohnung gehöre oder ob man ihn für die neue Wohnung mitnehmen könne. Bevor es zum Schlüsseltausch und zur Übergabe des Ablösegeldes kam, verabschiedete die Vermieterin sich. „Den Rest können Sie ja unter sich regeln“, nahm sie an.

Mit ihr verabschiedeten sich auch Anstand und Höflichkeit aus dieser Traumwohnung. Ich zahlte die Ablösesumme und blätterte – ohne Aufforderung – 20 Euro für den letzten Tag im November auf den Tisch. Doch die Schlüssel bekam ich nicht. „Auf denen ist Pfand drauf“, behauptete Kai. Den habe er damals der Vermieterin zahlen müssen. „Ja, dann hast du bestimmt ’ne Quittung“, sagte ich. Hatte er natürlich nicht. „Aber du kannst bei der Vermieterin nachfragen. Sonst nehme ich die Schlüssel halt mit.“ Ich schrieb also eine Quittung über 20 Euro, um nicht meinen eigenen Umzug zu verhindern. „Na ja, wenn ich mich recht erinnere, waren es 40 Euro für die Schlüssel“, fiel Kai urplötzlich ein.

Zwischenzeitlich waren meine Kumpels Flo und Ben hinzugekommen, die sich allmählich fragten, wo ich blieb. Als sie von den 40 Euro hörten, polterte Ben los: „Ja, was denn nun??? Eben waren es doch noch 20 Euro! Ich hab’s genau gehört! Wir sind doch nicht schwerhörig! Was soll die Sch…?“ „Ich kann die Schlüssel auch mitnehmen, dann musst du dir halt neue besorgen“, meinte Kai. Ich fing an, eine neue Quittung zu schreiben. „Bleibt’s denn nun bei 40 Euro?“, fragte ich.

Meine Geduld war am Ende. Als ich ihm auch das Schlüsselgeld hingeknallt hatte, schmiss Kai mir die Schlüssel vor die Füße und rannte aus der Wohnung. Türknallen. „Hab ein schönes Leben, Dagobert!“, rief ich ihm hinterher und stieß dann aus: „Himmel, bin ich froh, dass das Drama ein Ende hat!“ Ich fühlte mich ein bisschen, als hätte ich gerade eine Wohnung gekauft. „Es hat sich aber gelohnt, das Drama“, meinten Flo und Ben einstimmig.

Ich schaute mich um und wusste, dass meine neuen vier Wände den Ärger wert waren. Im Nachhinein stellte ich zwar fest, dass Kai noch heimtückisch die LED-Röhrenleuchten unter den Küchenschränken ausgebaut hatte. Die waren bei der Besichtigung noch mit drin gewesen. Flo, Ben und ich hatten auf jedes Detail geachtet, aber die fehlenden Lampen waren uns durchgegangen. Vielleicht brauchte Kai die auch in seiner neuen Wohnung. Egal, nach dem anstrengenden, aber ansonsten angenehmen Umzug genoss ich meinen ersten Abend im neuen Reich. Im Chaos, ohne Licht und ohne Klodeckel, aber unendlich glücklich.

 

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Fotos: Imago

 

  • MichaelReins

    Vormieter suchen also den Nachmieter aus… das halte ich mal für ein Gerücht. Noch entscheidet der Vermieter.