Die schlechteste Affäre

Wenn sie einen Raum betritt, zieht sie alle Blicke auf sich. Das sagt man so, das trifft auf viele Frauen zu. Über meine gute Freundin Katharina kann man sogar sagen: Wenn sie einen Raum betritt, bringt sie ihn zum Leuchten.

Ich bewundere sie: als ehrlichen Menschen, als glanzvolles Vorbild. Ihr umarmendes Lächeln, ihr blondes Haar, ihre starke Persönlichkeit, ihren überwältigenden Humor – von allem, was viele von uns in Teilen besitzen, hat sie eine geballte Ladung. Sie ist beeindruckend, ich würde sagen, eine Göttin.

 

Aber: Katharina ist allein. Darüber redet sie nicht oft, aber sie macht auch keinen Hehl draus. Letztens zog sie mich ins Vertrauen. Sie war etwas besorgt, gleichzeitig genervt. Meine Freundin arbeitet als Cello-Lehrerin in einer Musikschule. Dort wird ihr nun eine Affäre mit dem Vater einer ihrer Schüler nachgesagt. Egal, wie sehr sie dagegenhält oder wie sehr sie es auch ignoriert, das Gerücht hält sich hartnäckig. Es ist aber nur ein Gerücht. Und Katahrina gibt es zu denken.

„Noch nie hat einer der Väter von meinen Schülern oder ein anderer Lehrer überhaupt irgendein Interesse an mir gezeigt“, sagt sie. „Trotzdem spricht mich alle drei Tage jemand darauf an oder es wird hinter meinen Rücken getuschelt.“ Im Prinzip sie die Daddys ihr schlichtweg egal. Und die anderen Lehrer sind alle über 60. Was haben die denn eigentlich für eine Fantasie!? Dennoch hält sich das Gerücht wie Lippenstift auf einer weißen Bluse.

„Tja, die Leute können sich halt nicht vorstellen, dass so eine Granate wie du erstens keinen Freund und zweitens keinen Lover hat“, meine ich. Für eine schöne Frau ist es leichter keusch zu sein, als keusch zu wirken, stand mal auf meinen schlauen Kalender mit den stärksten Frauenpersönlichkeiten aus der Weltgeschichte.

„So ist es wohl.“ Katharina seufzt. Ein bisschen verrückt ist die Welt ja schon. Jede hat so ihre Geschichten, nur die schöne und mutige und reiche Katharina nicht. Affären interessieren sie aber auch nicht die Bohne. Sie würden diese tolle Frau über die Maßen langweilen. Denn: Eine, die von allem so viel besitzt, teilt auch keinen Mann oder begnügt sich mit einer halben Portion von ihm.

Warum aber versucht niemand, sie abzuschleppen? „Ich glaube, sie denken, du hättest Angebote bis zum Abwinken. Darum traut sich vielleicht keiner“, mutmaße ich.

„Nein, ich bin einfach die schlechteste Affäre“, sagt Katharina. „Warum denkst du das denn?“, frage ich geschockt. „Man kann mich nicht verstecken“, sagt Katharina. Sie will sich nicht verstecken lassen, will sie sagen. Sie ist nicht gut im Lügen und Betrügen. Sie stresst das viel zu sehr. Ich weiß, was sie meint, aber ich weiß auch, dass ihr Satz noch wahrer ist, als sie glaubt: Man kann sie einfach nicht verstecken. Denn wenn sie einen Raum betritt, bringt sie ihn zum Leuchten. Und das ist nun wirklich die schlechteste Voraussetzung, um vor einer Freundin, Ehefrau oder anderen Nebenbuhlerinnen ein Geheimnis zu bleiben.

 

Bilder: Imago