Die August-Überraschung oder: Ohne Führerschein ins Liebesglück

Kennt ihr diese Geschichten von Leuten, die aus der Gefangenschaft zurückkehren, und plötzlich hat sich die ganze Welt verändert? Mühsam müssen sie lernen, sich im 21. Jahrhundert zurechtzufinden. Genauso habe ich mich letztens gefühlt.

Eines Morgens wachte ich auf und stellte fest: Huch, da liegt ja jemand neben mir! Nicht nur ein Traum von einem Mann, sondern den gibt’s ja wirklich! Nachdem ich mich beziehungstechnisch jahrelang in der Einöde zwischen Fast-Nichts und Nichts aufgehalten hatte, gab es einen ernsthaften Interessenten. Schlaftrunken tippte ich ihn zur finalen Kontrolle noch einmal kurz an. Aber Tatsache – ich realisierte, dass ich plötzlich nicht mehr alleine war.

Und nun?, fragte ich mich. Wie aufgescheucht sprang ich aus dem Bett und tigerte nervös in der Wohnung umher. Darauf war ich nicht vorbereitet gewesen. Den Fahrplan für was Ernstes hatte ich irgendwo ganz hinten in einem Ordner abgeheftet, der mindestens im Keller, wahrscheinlicher aber auf der Müllhalde lag.

Was machen andere Menschen jetzt?, spukte es mir im Kopf herum. Pläne?

Schön wär’s. Aber dazu hatte ich gar keine Zeit. Schließlich hatte ich aus Erfahrung mit null Veränderungen gerechnet und meine freien Wochenenden bis Weihnachten verplant. Mein Terminplan war von oben bis unten vollgestopft mit Partys, Hobbys, Einladungen von Freunden, Einladungen von Kindern von Freunden, Einladungen von Eltern von Freunden. Und Urlaubsverabredungen mit Freundinnen, die sich ebenfalls mit ihrem Single-Dasein arrangiert hatten, gab es bis 2020. Damit nicht genug.

Auch in der Woche kam ich in arge Bedrängnis. Montags besuchte ich abends immer meinen Nachbarn auf ein Bierchen, dienstags telefonierte ich stundenlang mit meiner besten Freundin, mittwochs traf ich für gewöhnlich meine Oldenburger Gang, donnerstags spielte ich Badminton und freitags fing das genauso vollgestopfte, typische Bonny-Wochenende an. So hatte ich mir alles über die Jahre eingerichtet. Aber jetzt musste sich auch mein Freundeskreis dran gewöhnen, dass ich nicht mehr jederzeit verfügbar war.

Eine weitere Frage drängte sich auf: Zu welchen Besuchen und Festen würde ich Ferdinand mitnehmen? Schließlich hatte er mich schon seinen besten Freunden vorgestellt. Ich erschrak über mich selbst, als ich realisierte, was das für eben diese Events bedeutete: Ich konnte nicht mehr hemmungslos mit dem schönen Sören flirten. Auch müsste ich mir meine anzüglichen Witze mit dem charmanten Charly verkneifen. Und konnte ich noch mit dem wilden Wotan tanzen? Hm.

Aber nicht nur ich hatte Fragen. Auch Ferdi wollte es wissen: Wo willst du in den nächsten Jahren hinfliegen? In welcher Stadt (außer Oldenburg) würdest du am liebsten mal wohnen? Kannst du dir vorstellen, einen großen Garten zu haben? Willst du heiraten?, sprudelte es nur so aus ihm heraus. Über die meisten Dinge hatte ich mir schlichtweg gar keine Gedanken gemacht. Über ungelegte Eier soll man nicht reden, hatte mir meine Oma beigebracht.

Auch gab es Dinge, die sich in den vergangenen Jahren stark verändert hatten. Als jahrelanges Schattengewächs wusste ich nicht, wie viele Nachrichten man sich so unter Verliebten schrieb. Oder telefonierte man heutzutage noch mit seinem Freund? Im Smartphone-Zeitalter hatte sich ja einiges in der Kommunikation verändert. Auch fragte ich mich, wie das so mit dem Vorstellen der Eltern war. Bis vor ein paar Jahren war das ja noch eine recht staatstragende Sache gewesen. Interessierte das mit knapp über 30 überhaupt noch? Ich konnte mir gut vorstellen, dass seine Eltern nur müde abwinken würden: „Sohn, wir können uns die Namen eh nicht mehr merken. Lad uns einfach zur Hochzeit ein, wenn’s soweit ist.“

Und noch was. Bisher hatte ich immer eine Art Abmachung mit Männern getroffen, dass wir zusammen waren. War die Besiegelung einer Beziehung noch „in“? Mit wurde klar, dass ich überhaupt keine Ahnung hatte. Ich war echt von einem anderen Stern! Eine Außerirdische, die auf einem freundlichen Planeten landet, ohne einen Führerschein für das Raumschiff zu besitzen. Gerade erst aufgestanden, kalte Füße und keinen Schluck Kaffee im Blut, wurde mir etwas schwindelig. Ich schlich zurück ins Bett und lag starr und stillschweigend auf dem Fleckchen Matratze, was Ferdi mir übrigließ. Er schnarchte. Auch daran müsste ich mich erst wieder gewöhnen.

 

Bilder: Imago