Der verbotene Kuss

Hmmmmmm…… Ich hatte gestern Abend einen kleinen Flashback.

Eine Freundin von mir hat ihren 30. groß gefeiert. Ebenfalls unter den etwa 50 feierfreudigen Gästen: Felix. Mein Ex-Ex-Ex aus Urzeiten. Meine erste „richtige“, über zwei Jahre gehende Beziehung. Ich war 17, er 19, als wir uns kennenlernten. In den zwei Jahren nach unserer Beziehung schien es sich mit ihm und mir so ein bisschen zu einer Neverending-Story zu entwickeln; mal hatte der eine wieder Gefühle, mal der andere. Wir waren wie Königskinder, die niemals zusammen sein können.

Es waren zwei Königskinder,
Die hatten einander so lieb,
Sie konnten zusammen nicht kommen,
Das Wasser war viel zu tief.

Während bei mir sämtliche Gefühle dann aber irgendwann doch abgeebbt waren, war ich mir bei ihm nicht so sicher. Wenn wir uns mal zufällig über den Weg liefen – zum Beispiel auf dem Stadtfest oder beim Kramermarkt –, kurz miteinander quatschten und auf unsere gemeinsame Vergangenheit zu sprechen kamen, hatte er plötzlich immer so einen ganz sentimentalen Blick und klang auch ziemlich wehmütig… Ich ging nie weiter darauf ein; warum auch. Bis auf die obligatorischen Geburtstags- und Weihnachtswünsche jedes Jahr hatten wir ansonsten eh nichts mehr miteinander zu tun.

Irgendwann lernte er Andrea kennen und kam mit ihr zusammen. Vor einem Monat haben die beiden geheiratet. (Ich war übrigens auch eingeladen.)

Auf dem Geburtstag gestern tauchte Felix nun alleine auf. Ich weiß nicht, warum. Im Nachhinein mache ich mir Gedanken, ob seine Frau nur einfach keine Lust oder keine Zeit hatte – oder ob er ihr nichts von dem Geburtstag, von dem er gewusst haben muss, dass ich auch dort sein würde, gesagt hat.

Jedenfalls kamen wir zu später, ziemlich betrunkener Stunde miteinander ins Gespräch. Ich machte irgendeinen Kommentar wie „Wow! Du bist jetzt verheiratet. Bald wirst du wahrscheinlich Papa…“ Ich weiß noch, dass mich der Gedanke in jenem Moment wirklich geflasht hat. Nicht aus Eifersucht oder Wehmut! Sondern weil Felix mal ein so wichtiger Mensch in meinem Leben gewesen ist, dass mir sein Leben nie egal sein wird. Plötzlich ploppte wieder Felix’ sentimentales Gesicht vor mir auf.

Und dann sagte er: „Ich geh mal eben vor die Tür.“ Oder so ähnlich. Dann wiederholte er den Satz.

Ich dachte: Okay, dann geh ich jetzt mal wieder zur Bar.

Nachdem ich etwa 4 Minuten an der Bar gesessen hatte, fragte ich mich: Warum hat er das gerade so betont? War das ein Wink mit dem Zaunpfahl? Ich stand auf und ging raus, um nachzusehen.

Tja. Ich war gerade mit beiden Füßen vor die Haustür getreten – da drückte Felix auch schon seine Lippen auf meine.

 

Ich war so perplex, dass ich gar nicht mit dem Denken, was hier gerade passiert, hinterherkam. Keiner von uns beiden kommentierte den Kuss im Anschluss. Einen kurzen Augenblick später kam ein anderer Partybesucher nach draußen. Felix ging wieder rein. Ich war weder sauer noch hatte der Kuss irgendwelche romantischen Gefühle an „die gute alte Zeit“ in mir aufgeweckt. Ich war einfach nur völlig verdattert. Das bin ich auch jetzt noch.

Er war doch seit kurzem verheiratet, würde demnächst mit seiner Frau in die Flitterwochen fliegen! Hat er sich deswegen seit Jahren fast gar nicht mehr bei mir gemeldet? Weil er das Vergangene insgeheim doch noch nicht ganz hat loslassen können und gegen einen Teil seines Herzens ankämpft?

Mal ehrlich: Wäre ich frisch verheiratet und mein Mann würde betrunken auf einer Party mit einer anderen rumknutschen – okay, sicher ziemlich mies. Aber wenn es sich bei dieser anderen um eine Ex, noch dazu die große Jugendliebe handelt? Und er offensichtlich nicht in einem spontanen Reflex gehandelt, sondern bewusst die Entscheidung gefällt hat? Autsch. Bitter. Nicht nur für die Ehefrau, sondern auch für ihn und sein Lebensglück selbst.

 

Bilder: imago