Der Busengrapscher vom Pferdemarkt

Sonntag, 22:35 Uhr, Pferdemarkt: Ich bin auf dem Nachhauseweg. Gut gelaunt komme ich von einem Feierabendbierchen. Allein. Zu Fuß. Im Dunkeln.

22:37 Uhr: Ein Radfahrer kommt mir entgegen, steuert auf mich zu und grapscht mir an die Brust. Einfach so. Ohne Kommentar. Und fährt weiter Richtung Nadorster Straße. Verdattert, völlig überrumpelt, drehe ich mich um und schreie ihm hinterher: „Ey, spinnst du denn?“ Doch schon ist er im Dunkeln verschwunden. Ich gehe weiter. Angegriffen fühle ich mich. Kurz herabgewürdigt, beleidigt. Schockiert bin ich nicht. Schließlich passiert mir sowas nicht zum ersten Mal.

22:45 Uhr: Ich bin zu Hause angekommen und überlege, was zu tun ist. Anzeigen? Bringt das überhaupt was? Ich habe doch gar nichts erkannt im Dunkeln und kann den Täter kaum beschreiben. Ein Freund sagt: „Auf jeden Fall anzeigen!“ Ich habe keine Lust, mich an diesem Abend länger mit dem Grapscher auseinanderzusetzen und schalte um auf Ablenkungsprogramm: Fernsehen auf dem Sofa mit Vanillepudding mit Kirschgrütze. Das klappt gut.

Montag, 6:03 Uhr: Ich wache auf und es ist beschlossene Sache: Natürlich zeige ich den Typen an! Wie könnte ich nicht. Vielleicht hat er am selben Abend oder wann anders noch weitere Frauen im Vorbeifahren belästigt. Vielleicht hat eine andere ihn besser erkannt und kann eine Täterbeschreibung liefern. Auch erinnere ich mich, dass hinter mir noch eine Spaziergängerin unterwegs war. Wahrscheinlich hat sie nicht mehr gesehen als ich, aber versuchen sollte ich es.

16:37 Uhr: Nach der Arbeit marschiere ich schnurtracks zum Polizeirevier. Jetzt bloß keine weichen Knie bekommen, weil’s unangenehm werden könnte. Ein bisschen bange ist mir schon vor den Fragen, die ich für eine Anzeige beantworten muss. Aber ich sage mir: Du bist ein großes Mädchen, da musst du durch.

16:40 Uhr: Ein Polizeibeamter nimmt mich in Empfang. Ich sage ihm, dass ich Anzeige wegen sexueller Belästigung erstatten will. Kurz erkläre ich, was passiert ist und sage lieber sofort, dass ich den Täter leider aber nicht beschreiben kann. „Na sowas geht trotzdem nicht“, sagt der Polizist sofort, väterlich-empathisch. „Das macht man nicht.“ Schon sitze ich in seinem Büro. Er fängt an zu tippen.

16.41 Uhr: Zum Glück ist der Polizeibeamte nett. Ich muss genau beschreiben, was passiert ist – angefangen bei der Uhrzeit über die genaue Körperstelle bis hin zur Kleidung. Was mich wundert: Ganz genau muss die Polizei in der Anzeige festhalten, was ich trug – T-Shirt, Strickjacke, Mantel. War es ein dicker Wintermantel oder eine dünnere Jacke? Konnte ich das Angrapschen überhaupt spüren? Diese Fragen sind schon ein bisschen peinlich, müssen wohl aber sein. Ich merke dem Polizeibeamten an, dass er das genaue Nachhaken auch unangenehm findet, aber es so sachlich und freundlich wie möglich versucht.

Vom Täter weiß ich gerade mal noch so die Statur und das ungefähre Alter. Aber das ist geschätzt. Es war schließlich dunkel und der Mann trug eine graue oder schwarze Jacke. Die Kapuze hatte er tief ins Gesicht gezogen. Auch sein Fahrrad kann ich nicht beschreiben. Zu plötzlich war die Attacke, zu schnell ist er geflüchtet. Ich glaube, dass es eher ein Damenfahrrad war. Farbe? Keine Ahnung.

Mehrere Male fragt der Polizeibeamte mich nach der Herkunft des Täters: War es ein Deutscher? Ein Ausländer? Und wenn ja, woher? Ich kann es nicht sagen. Da ich bisher von einem Deutschen ausging und keinerlei Anhaltspunkte dafür habe, dass es ein Ausländer war, einigen wir uns auf „Nordeuropäer“. Seit den Übergriffen in der Silvesternacht ist die Polizei bei dem Thema besonders sensibel und muss die Daten für die Statsitik soweit wie möglich erfassen.

17:31 Uhr: Die Anzeige über die „sexuelle Beleidigung“ ist geschrieben. Berechtigte Hoffnung, dass der Täter gefunden wird, gibt es nicht. Verständlich – es gibt ja kaum Anhaltspunkte für eine Identifizierung. Trotzdem bin ich erleichtert, es gemacht zu haben, die Tat nicht einfach so hingenommen zu haben.

Dienstag, 12.13 Uhr: Mein Handy klingelt. Eine Kriminalbeamtin ist dran und erkundigt sich noch einmal sehr freundlich, wie genau das am Montagabend passiert ist. Ich erzähle es ihr: Ja, der kam auf mich zu, stoppte fast mit seinem Rad und dann – grapsch! Über meine bildliche Beschreibung muss sie kurz lachen und ich auch. Unter Frauen ist es doch etwas anderes, über sowas zu sprechen. Sie hatte überlegt, den Fall an die Medien herauszugeben, aber da ich den Täter so gut wie gar nicht beschreiben konnte, macht es keinen Sinn. Klar. Schließlich war es dazu kein besonders schwerwiegender Fall. Wenn auch ein ärgerlicher. Ähnliche Vorfälle gab es am gleichen Abend nicht.

Die Tat ist letztlich nur ein Fall für die Statistik. Die Polizei hat mich aber sehr bestärkt und ernst genommen. Das sollte vielleicht selbstverständlich sein. Aber ein bisschen erleichtert bin ich schon. Claudia hatte ja ganz andere Erfahrungen gemacht, als sie einen Grapscher anzeigte.

Am Ende bleibt nur die Frage: Warum macht jemand sowas?