Das Schweigen der Männer

„Und wie geht’s Benno so?“, frage ich Ferdi. „Hat der ’ne neue Freundin?“ Ferdi zuckt nur mit den Schultern. Schweigen.

Ich bin verwirrt. „Aber ihr habt doch gerade telefoniert!?“ – „Ja.“ Ferdi grinst. „Aber da unterhalten wir uns doch nicht über sowas.“

„Über was denn dann?“, frage ich, ohne wirklich eine Antwort zu erwarten. Für mich ist das unvorstellbar!

Wenn ich mit meiner besten Freundin telefoniere, geht es immer auch um unser Wohlbefinden, die Liebes-Neuigkeiten, den neuesten Tratsch und Klatsch aus dem Freundeskreis. Wir wissen nicht alles, aber vieles über uns.

Bei Männern scheint das anders zu sein. Über die wirklich bewegenden Themen tauschen sie sich wenig bis gar nicht aus. Aber über was reden sie dann? Ein bisschen über die Arbeit, ein bisschen über das Leben – und dann stundenlang über Technik, Sport oder irgendein anderes Hobby, über das sie sich ohne Ende auslassen können. Das ist jedenfalls meine Erfahrung. Leidenschaftlich sezieren sie ein Computerspiel, die letzte Werder-Partie oder die Reparatur des Rennrads.

Sie wissen nicht, ob der andere gerade Single ist oder doch in einer Beziehung – aber sie wissen, wie man bei Donkey Kong Level sieben erreicht.

Sie wissen nicht, wohin der andere in den Urlaub fährt – aber sie wissen ganz genau, was er zum letzten Bundesliga-Spieltag zu sagen hat.

Manchmal wissen sie noch nicht einmal mehr, wo der andere wohnt – aber dass der neue Fahrradschlauch sechs Euro gekostet hat, ist bekannt.

Gut, ich übertreibe etwas. Aber manchmal bricht es echt aus mir raus: „Ja, wie geht’s dem Benno denn nun? Was ist los in seinem Leben? Dass er sein Fahrrad reparieren will, ist doch jetzt schon seit drei Wochen Thema.“ Schweigen. Es macht mich wahnsinnig! Wenigstens über ein paar persönliche Dinge könnte man sich doch austauschen. „Soll ICH Benno jetzt mal anrufen und ihn fragen, wie es mit der Julia läuft?“, schlage ich großherzig vor und grinse. Das würde ich natürlich nie machen.

Ferdi grinst auch. „Wir sind halt nicht so indiskret!“ Indiskret nennt man es also nun, wenn man sich füreinander interessiert! Aber gut, vielleicht liegen die Prioritäten einfach woanders. Vielleicht verbinden viele Männer eher die gemeinsamen Interessen und Unternehmungen als die Gefühlswelt des anderen.

Apropos gemeinsame Unternehmungen: Benno hat neben Fußball und Fahrrad noch andere Interessen. Er geht zum Beispiel wandern und isst gerne Fisch. Bei einer gemeinsamen Fischfutterei nach einem Spaziergang in Hooksiel und zwei Bierchen, zappelt mir die Frage wie ganz von selbst von der Zunge: „Und wie sieht’s bei dir so aus? Hast du in letzter Zeit mal wen kennengelernt?“

Verdattert schaut er mich an. Ging das zu weit? Ich bekomme Angst, dass ich den Bogen mit meinem losen Mundwerk überspannt habe.

Aber dann bricht Benno in Lachen aus. „Endlich fragt mich das mal einer! Ich dachte schon, mich fragt das niemand mehr!“ Und er erzählt, wie toll sie ist, die Helene, die er seit drei Monaten trifft. Seine Augen glänzen!

Geht doch!

 

(Bilder: Imago)