Das schwarze Schaf unter den Muttertieren

Ich höre sie nicht ticken. Meine biologische Uhr.
Ja, dabei ist mir natürlich schon klar, dass ich stark auf die 30 zugehe.
Aber… sehe ich zum Beispiel ein kleines Kind, das in der Sandkiste mit ’ner Schaufel sinnlos in den Sand haut, oder eines, das begeistert mit einem waaaaaahnsinnig tollen Wachsmal-Bild zu seiner ebenso begeisterten Mami rennt, dann regt sich bei mir – nichts. Ich bin kinderlos glücklich.

Ähem... joa, schönes Bild...
Ähem… joa, schönes Bild…

 

Sehe ich dagegen einen kleinen, flauschigen Golden-Retriever-Welpen, wie er – mit leicht vertrotteltem Gesichtsausdruck – irgendwo entlangtappst und die Welt entdeckt, denke ich: Awwwwww! Auch dann, wenn es keine Welpen mehr sind.

Die Golden-Retriever-Hündin Emma scheint am Dienstag (27.04.2010) in Stadtallendorf die warme Sonne auf einer Löwenzahnwiese zu genießen. Der Frühling nimmt in den nächsten Tagen deutlich an Fahrt auf. Es wird bis zu 27 Grad warm. Foto: Uwe Zucchi dpa/lhe +++(c) dpa - Bildfunk+++
Den muss man einfach lieb haben…

Ich persönlich finde es nicht schlimm, dass ich so denke.
Aber es gibt offensichtlich Menschen, die das anders sehen.

Nein, ich selbst habe keine blöden Erfahrungen mit intoleranten Menschen gemacht. Nur ein einziges Mal habe ich mir den dämlichen Satz anhören müssen: „Das kannst du nicht verstehen, du bist keine Mutter.“ Genau – Nicht-Mütter beziehungsweise kinderlose Frauen sind nämlich völlig empathielose Wesen und empfinden weder Sorge noch sonstige Gefühle für andere Menschen. Argh.

(…) Die einhellige Meinung ist, die egoistischen Akademikerinnen seien schuld – und zwar mehr oder weniger an allem: an der demografischen Kurve, an der Überlastung der Sozialsysteme, am vorhergesagten konjunkturellen Tief und so weiter. Während keine Frau schwanger wird, um dem Staat ein Kind zu schenken, müssen sich Kinderlose dafür rechtfertigen, dem Staat kein Kind zu schenken.

Quelle: Zeit.de

 

Das schwarze Schaf

Auslöser, zu diesem Mütter-Thema einen Beitrag zu verfassen, war übrigens Heikes Geburtstag.
Heike ist eine Bekannte von mir, die neulich 30 geworden ist.
Zwei Wochen zuvor war sie zum zweiten Mal Mama geworden.
Es war eine gemütliche Runde aus etwa zehn Frauen, die sich im neugebauten Haus im Ländlichen von Heike und ihrem Mann um den Esstisch im Wohnzimmer gesetzt hatten. Nun scheint es ein Naturgesetz zu sein, dass (frischgebackene) Mütter viele andere Mütter kennen. Und so fanden sich auch bei Heike Mütter und/oder Erzieherinnen ein. Und mittendrin ich. Die kinderlose Fremde. Der Störenfried. Das schwarze Schaf.

Wann immer mir das Thema „Frauen ohne Kinder“ in Fernsehreportagen begegnete, schwang Frauen, die sich bewusst GEGEN Kinder entschieden hatten, der Vorwurf entgegen, sie seien egoistisch.
Wie bescheuert ist das denn!? Weil diese Frauen abgewägt und sich von vornherein dazu entschlossen hatten, kein neues Leben erzeugen zu wollen, um das sie sich dann ganz altruistisch kümmern würden, waren sie egoistisch?

Ich finde es gerade im Gegenteil sehr verantwortungsvoll, sich über eine so weitreichende Entscheidung intensive Gedanken zu machen – und sich dann letztlich vielleicht eben gegen Nachwuchs auszusprechen. Nicht, dass es sonst so endet wie bei dieser charmanten Mutter 😉 :

Außerdem impliziert ein solcher Egoismus-Vorwurf ja, dass ein Kind vor allem den Zweck hätte, anderen Menschen zu zeigen, man sei nicht egoistisch. Klasse.

 

Gefangen zwischen frenetischen Müttern und Dekozeugs

Auf Heikes Geburtstag hielt ich es zur linken Seite hin eine knappe halbe Stunde aus, Interesse für gefühlte 2439 „Leopold“-Bilder auf der Digitalkamera zu heucheln. Leopold, kurz „Leo“, ist drei Jahre alt, und bei allem, was er tut bzw. getan hat, scheint seine Mama auf den Auslöser gedrückt zu haben. Und zwar aus sämtlichen Perspektiven. Dabei sieht Leo nicht mal niedlich aus. Ich finde, er blickt meistens voll motzig drein, und er hat eine totale Krach-Stimme (das kann ich deshalb beurteilen, weil es selbstverständlich auch Videomaterial auf besagter Digitalkamera gab…). Aber das kannste der Mutti natürlich nicht sagen. Für alles, was nicht in die Richtung geht, wie fantastisch-phänomenal ihr kleiner Sonnenschein ist, ist sie völlig taub.

Wer äußert, sich einfach kein Kind zu wünschen, wird gerne für neurotisch erklärt – meistens als vergnügungssüchtige Narzisstin. Während Eltern durchaus damit durchkommen, wenn sie ihre Kinder als verlängertes Ego betrachten, indem sie ständig danach fahnden, welche Talente und Fähigkeiten vom Nachwuchs noch gefördert werden sollen.

Quelle: Zeit.de

Gegenüber versuchte mich eine Mutti für „Gonis“-Produkte zu begeistern. Gonis ist quasi wie Tupper, schlussfolgerte ich am nächsten Tag mit einem Blick auf die Homepage, nur nicht mit Butterbrotboxen und Co., sondern mit Bastelzeugs. Auf der Website steht: „Gonis ist ein Unternehmen, das die Karriere von Frauen kompetent fördert. Um dies zu erreichen, werden über qualifizierte Vorführungen Dekorations- und Kreativprodukte verkauft – unter dem Motto: Karriere kreativ gestalten!“ Die „tolle Tischdeko“ (kleine, mit Dekozeugs beklebte Gläschen für Teelichter) wäre auch mit Gonis-Produkten gezaubert, schwärmte die Mutti von gegenüber, „und Mia hat auch mitgeholfen und auf jedes Glas einen großen Stern aufgeklebt“.
Ah ja.

 

Ich klink mich mal aus…

Nach zwei Stunden habe ich innerlich auf Standby geschaltet. Nachfragen aus Höflichkeit hatte ich eh schon längst eingestellt. Für mich beziehungsweise mein kinderloses Leben interessierte sich ja auch keiner. Ganz schön dreist. Kurz vorher hatte ich noch überlegt – um mich auch mal an den Monologen Gesprächen zu beteiligen – zu erzählen, dass ich das Wochenende zuvor mit meiner Freundin Natti für drei Tage im Wellness-Urlaub in Leipzig gewesen war. Und wie Natti und ich nach einem langen Sauna-Tag schon gegen 18 Uhr erschöpft mit einer Flasche Rotwein, M&Ms und Gummibärchen im gemütlichen Doppelbett lagen und beim Zappen plötzlich auf dem Pornokanal gelandet waren.

Aber ich entschloss mich, lieber zu schweigen.

Mütter

 

Bilder: dpa, imago