Claudias #Aufschrei – oder: Was soll die ganze Antatsch-Scheiße!

Fünf Frauen sind am Sonnabend im Oldenburger Stadtzentrum von mehreren jungen Männern aggressiv belästigt worden“, war am Sonntag in einem NWZ-Artikel zu lesen. Ich könnte kotzen. Ich bin wütend. Zeit für einen Blog-Beitrag zum Thema sexuelle Belästigung.

 

Was ist mir selbst schon widerfahren?

Ein Fall, den ich erlebt habe, spielte sich vor Jahren auf einer großen, öffentlichen Silvesterparty ab. Ich war 17 Jahre alt. Ein sieben Jahre älterer Typ, Martin (Name geändert), den ich vom Sehen her von der Schule kannte, hatte mich mit seiner Hand fest von hinten im Schritt gepackt. Ich war völlig perplex.

An die nachfolgenden, etwa fünf Minuten kann und konnte ich mich im Nachhinein nicht mehr richtig erinnern. Auf jeden Fall stand Simon (Name geändert), mein damaliger Freund, plötzlich da. Auf sein weißes Oberteil tropfte Blut aus seiner aufgeplatzten Augenbraue. Martin hatte ihm eine reingehauen. Ich konnte nicht mehr aufhören zu weinen.

Am nächsten Morgen saßen wir bei der Polizei, erstatteten Anzeige wegen Körperverletzung. Nachdem wir dem Beamten alles geschildert hatten und er die Anzeige aufgenommen hatte, fragte er, ob ich auch eine Anzeige wegen sexueller Belästigung erstatten wollte. So bescheuert es für mich selbst im Nachhinein klingt, aber bis zu diesem Zeitpunkt war ich gar nicht auf diese Idee gekommen. Mein Freund war es ja, der geblutet hatte. Der für den Rest seines Lebens eine Narbe im Gesicht haben würde. Nicht ich.

In diesem Moment, als der Polizist mir diese Frage stellte (Gott sei Dank hat er das getan!), war mir damals schlagartig etwas bewusst geworden. Ich murmelte zunächst ein „Als Frau in der heutigen Zeit…“ – ein Kommentar, den, glaube ich, weder Simon noch der Polizeibeamte damals verstanden hatten. Mir wurde klar, dass zum Teil nicht nur die Gesellschaft, sondern auch wir Frauen selbst – in dem Fall ich – es zum Teil gar nicht (mehr) als Straftat registrieren, wenn so etwas passiert. Auch die betroffenen Frauen bei den jüngsten Vorfällen in der Oldenburger Innnenstadt hatten sich anscheinend gar nicht selbst bei der Polizei gemeldet, sondern eine Zeugin, die Zivilcourage bewiesen hatte und sich den Arschlöchern entgegengestellt hatte.

 

Der Anruf nach der Anzeige

Das erste Mal in meinem Leben hatte ich damals jemanden angezeigt. Für eine 17-Jährige bedeutete dieser ganze Vorfall einen ziemlich große Aufruhr im Leben. Viele Tage später erhielt ich einen Anruf. Es war ein Mediator. Dort landen manche Fälle, um die Gerichte zu entlasten. Auch mein Fall. Ich konnte diese Situation nicht so richtig einschätzen. Bedeutete dieses Abwälzen auf einen Mediator, dass dieses Angrapschen nicht schlimm genug gewesen war, als dass sich ein „richtiges“ Gericht mit so einer Bagatelle beschäftigt? Irgendwie stieß mich diese Weiterleitung meiner Anzeige an eine Mediationsstelle vor den Kopf.

Er habe mit Martin gesprochen, sagte dieser mir unbekannte Mediator. Martin könne sich gar nicht mehr so genau erinnern, was da an Silvester vorgefallen sei. „…ob das vielleicht nur’n Klaps auf den Hintern gewesen ist…“ AAAAAH!!!! Noch heute werde ich wütend, wenn ich mich zurückerinnere. Aus folgenden Gründen:

1. Natürlich, das Arschloch erinnert sich nicht mehr… is’ klar!!
2. Einer Frau auf den Hintern zu hauen – auch noch verniedlicht als „Klaps“ formuliert – wäre ok gewesen oder was?! Ist mein Hintern vielleicht allgemeines Eigentum?!

Um es mal abzukürzen: Letztlich hat mein Freund 600 Euro Schmerzensgeld bekommen, in mehreren Monatsraten. Und ich – ich habe einen Frühstücksgutschein für zwei und Kinogutscheine für zwei bekommen. Und da sind wir bei Punkt 3, der mich wütend macht. Klar, wie will man als belästigte Frau „entschädigt“ aus solch einem Mediationsverfahren rauskommen? Ich war damals, im Gegensatz zu meinem Freund, nicht bereit, mich mit Martin und dem Mediator an einen Tisch zu setzen und diesen „Streit“ zu „schlichten“. Ich wollte mit diesem Menschen einfach nie, nie wieder etwas zu tun haben oder ihm begegnen. Mich an einen Tisch mit ihm zu setzen und mit ihm gemeinsam eine „Lösung“, ein „Sorry“ zu erarbeiten – das hätte sich so angefühlt, als würde ich ihm verzeihen, als könnte ich die sexuelle Belästigung, dieses fiese Angrapschen und Festhalten, durch irgendetwas entschuldigen.

NEIN! Das konnte und wollte ich aber nicht!

Und ich finde nicht, dass irgendeine Frau oder irgendein Mädchen ähnliche Vorfälle tolerieren, runterschlucken, verharmlosen oder gar entschuldigen sollte!

 

Gefangen in einer Situation, in der ich nicht sein wollte

Einer der Vorfälle, die ich nicht zur Anzeige brachte, sondern – leider – nur in mir allein rumoren ließ, war zum Beispiel dieser Typ im Schuhgeschäft, der zweimal dicht hinter mir vorbeilief und beide Male seine Hand über meinen Hintern gleiten ließ. Beim ersten Mal war ich – wie bei jenem Silvestervorfall – völlig perplex und dachte: „Vielleicht war es ja nur ein Versehen, vielleicht ist er ja auch nur mit seiner Jacke irgendwie an mir vorbeigestreift…“ Aber beim zweiten Mal musste ich mir selbst eingestehen, dass es kein Zufall gewesen sein konnte. Ich machte irgendeinen Kommentar in halblautem Tonfall und sah ihn wütend an. Er tat so, als hätte er nichts verstanden. Kurze Zeit später verließ er das Geschäft.

Leider ist mir immer erst später bewusst geworden, was gerade passiert war. Es waren alles Situationen, die mich überrumpelt hatten, auf die ich nicht vorbereitet war. Silvester hatte ich doch nur eine nette Plauderei im Sinn. Im Schuhgeschäft hatte ich mir Schuhe im Regal angeguckt. Und plötzlich war ich in einer völlig anderen, unerwarteten Situation gefangen, in der ich nicht sein wollte.

 

Der Verfolger

Als ich Anfang 20 war, war ich nach einer Disconacht in der Oldenburger City gerade mit meiner Freundin auf dem Rückweg zum Auto. Plötzlich, in Höhe der Lambertikirche, lief da dieser Kerl neben mir. „Du gehen Disco?“, fragte der offensichtlich nicht-deutsche, plötzlich Aufgetauchte, „du schön Frau, ich suchen Frau“ oder sowas brabbelte er noch. Ich probierte verschiedene „Techniken“ aus, um ihn loszuwerden.
Zuerst ignorierte ich ihn. Das half nicht.
Dann sprach ich Englisch, um so zu tun, als würde ich ihn nicht verstehen. Er sprach leider auch Englisch.
Dann sprach ich Spanisch mit meiner Freundin, um so zu tun, als sei ich eigentlich Spanierin, die ihn nicht versteht. Er sprach leider auch Spanisch.
Wir liefen weiter, der Typ lief weiterhin neben uns.

Ich glaube, auf der Brücke, die zum großen Parkplatz am Alten Gymnasium Oldenburg führte, wo ich das Auto geparkt hatte, hab ich ihm zum ersten Mal laut und deutlich zu verstehen gegeben, dass er abhauen soll. Aber er lief weiterhin mit. Wir hatten das Auto erreicht. Ich schloss die Tür auf. Was passierte? Der Typ setzte sich hinten in mein Auto rein.

Und da bin ich ausgerastet.

Meine Freundin packte ihn an seiner Jacke und zog ihn wieder aus dem Auto raus. Ich schrie ihn an, er solle sich verpissen. Es war egal, was ich sagte, jedes Wort kam automatisch schreiend aus tiefster Kehle aus mir heraus. Und ich bin froh, dass es so war. Dass ich offensichtlich einen Schalter in mir hatte, der sich – endlich – automatisch umgelegt hatte. „Ich ruf die Polizei!“, schrie ich weiter. Er antwortete genauso ruhig, wie er die ganze Zeit gesprochen hatte: „Nein, keine Polizei.“ „Verpiss dich, sonst fahr ich dich um!“, schrie ich erneut. Gott sei Dank ging er dann.

 

Schreit auf

Ein Problem, das vermutlich gerade wir Frauen tendenziell haben, ist, dass wir erstmal nett bleiben wollen. Gerade, wenn „eigentlich“ noch nichts passiert ist, der Typ uns (noch?) nicht begrapscht oder uns irgendwelche (un-)sichtbaren Schäden zugefügt hat. Die Polizei wegen sexueller Belästigung rufen? Ach, das wäre doch nun wirklich übertrieben…oder nicht?

Ich finde es alles andere als leicht, einzuschätzen, wann ich eine Situation, die mir bis dato noch harmlos erschien, plötzlich als bedrohlich betrachten muss. Wenn ich mir selbst eingestehen muss, dass die Lage gekippt ist. Warum habe ich diesem Typen nicht schon gleich zu Beginn mit lauter Stimme gesagt, dass er weggehen soll? Ihn viel früher angeschrien? Tatsächlich zum Handy gegriffen und die Polizei gerufen?
Vielleicht hatten mir meine Mediations-Erfahrungen von jenem Silvester mit Martin nicht gerade das Gefühl vermittelt, dass solche Vorfälle sexueller Belästigung allzu ernst genommen werden.

Aber genau das darf einfach nicht sein. Wenn das, was diese Frau auf Facebook zu den Vorfällen aus Oldenburg am Samstag in ihrem Kommentar geschrieben hat, stimmt…bitter.

screenshot belästigung

Deshalb: Mädels/Opfer: Schreit auf. Und ein „Nein!“ müsst ihr weder rechtfertigen noch erklären!
Beobachter: Schaut nicht weg. Schreitet ein, schreit auf oder/und ruft die Polizei.
An alle: Bitte gebt dem Opfer nicht das Gefühl, sein Erlebnis sei eine Bagatelle oder es sei gar selbst schuld.

 

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(Bild: imago)