Claudias #Aufschrei – oder: Was soll die ganze Antatsch-Scheiße!

Fünf Frauen sind am Sonnabend im Oldenburger Stadtzentrum von mehreren jungen Männern aggressiv belästigt worden“, war am Sonntag in einem NWZ-Artikel zu lesen. Ich könnte kotzen. Ich bin wütend. Zeit für einen Blog-Beitrag zum Thema sexuelle Belästigung.

 

Was ist mir selbst schon widerfahren?

Ein Fall, den ich erlebt habe, spielte sich vor Jahren auf einer großen, öffentlichen Silvesterparty ab. Ich war 17 Jahre alt. Ein sieben Jahre älterer Typ, Martin (Name geändert), den ich vom Sehen her von der Schule kannte, hatte mich mit seiner Hand fest von hinten im Schritt gepackt. Ich war völlig perplex.

An die nachfolgenden, etwa fünf Minuten kann und konnte ich mich im Nachhinein nicht mehr richtig erinnern. Auf jeden Fall stand Simon (Name geändert), mein damaliger Freund, plötzlich da. Auf sein weißes Oberteil tropfte Blut aus seiner aufgeplatzten Augenbraue. Martin hatte ihm eine reingehauen. Ich konnte nicht mehr aufhören zu weinen.

Am nächsten Morgen saßen wir bei der Polizei, erstatteten Anzeige wegen Körperverletzung. Nachdem wir dem Beamten alles geschildert hatten und er die Anzeige aufgenommen hatte, fragte er, ob ich auch eine Anzeige wegen sexueller Belästigung erstatten wollte. So bescheuert es für mich selbst im Nachhinein klingt, aber bis zu diesem Zeitpunkt war ich gar nicht auf diese Idee gekommen. Mein Freund war es ja, der geblutet hatte. Der für den Rest seines Lebens eine Narbe im Gesicht haben würde. Nicht ich.

In diesem Moment, als der Polizist mir diese Frage stellte (Gott sei Dank hat er das getan!), war mir damals schlagartig etwas bewusst geworden. Ich murmelte zunächst ein „Als Frau in der heutigen Zeit…“ – ein Kommentar, den, glaube ich, weder Simon noch der Polizeibeamte damals verstanden hatten. Mir wurde klar, dass zum Teil nicht nur die Gesellschaft, sondern auch wir Frauen selbst – in dem Fall ich – es zum Teil gar nicht (mehr) als Straftat registrieren, wenn so etwas passiert. Auch die betroffenen Frauen bei den jüngsten Vorfällen in der Oldenburger Innnenstadt hatten sich anscheinend gar nicht selbst bei der Polizei gemeldet, sondern eine Zeugin, die Zivilcourage bewiesen hatte und sich den Arschlöchern entgegengestellt hatte.

 

Der Anruf nach der Anzeige

Das erste Mal in meinem Leben hatte ich damals jemanden angezeigt. Für eine 17-Jährige bedeutete dieser ganze Vorfall einen ziemlich große Aufruhr im Leben. Viele Tage später erhielt ich einen Anruf. Es war ein Mediator. Dort landen manche Fälle, um die Gerichte zu entlasten. Auch mein Fall. Ich konnte diese Situation nicht so richtig einschätzen. Bedeutete dieses Abwälzen auf einen Mediator, dass dieses Angrapschen nicht schlimm genug gewesen war, als dass sich ein „richtiges“ Gericht mit so einer Bagatelle beschäftigt? Irgendwie stieß mich diese Weiterleitung meiner Anzeige an eine Mediationsstelle vor den Kopf.

Er habe mit Martin gesprochen, sagte dieser mir unbekannte Mediator. Martin könne sich gar nicht mehr so genau erinnern, was da an Silvester vorgefallen sei. „…ob das vielleicht nur’n Klaps auf den Hintern gewesen ist…“ AAAAAH!!!! Noch heute werde ich wütend, wenn ich mich zurückerinnere. Aus folgenden Gründen:

1. Natürlich, das Arschloch erinnert sich nicht mehr… is’ klar!!
2. Einer Frau auf den Hintern zu hauen – auch noch verniedlicht als „Klaps“ formuliert – wäre ok gewesen oder was?! Ist mein Hintern vielleicht allgemeines Eigentum?!

Um es mal abzukürzen: Letztlich hat mein Freund 600 Euro Schmerzensgeld bekommen, in mehreren Monatsraten. Und ich – ich habe einen Frühstücksgutschein für zwei und Kinogutscheine für zwei bekommen. Und da sind wir bei Punkt 3, der mich wütend macht. Klar, wie will man als belästigte Frau „entschädigt“ aus solch einem Mediationsverfahren rauskommen? Ich war damals, im Gegensatz zu meinem Freund, nicht bereit, mich mit Martin und dem Mediator an einen Tisch zu setzen und diesen „Streit“ zu „schlichten“. Ich wollte mit diesem Menschen einfach nie, nie wieder etwas zu tun haben oder ihm begegnen. Mich an einen Tisch mit ihm zu setzen und mit ihm gemeinsam eine „Lösung“, ein „Sorry“ zu erarbeiten – das hätte sich so angefühlt, als würde ich ihm verzeihen, als könnte ich die sexuelle Belästigung, dieses fiese Angrapschen und Festhalten, durch irgendetwas entschuldigen.

NEIN! Das konnte und wollte ich aber nicht!

Und ich finde nicht, dass irgendeine Frau oder irgendein Mädchen ähnliche Vorfälle tolerieren, runterschlucken, verharmlosen oder gar entschuldigen sollte!

 

Gefangen in einer Situation, in der ich nicht sein wollte

Einer der Vorfälle, die ich nicht zur Anzeige brachte, sondern – leider – nur in mir allein rumoren ließ, war zum Beispiel dieser Typ im Schuhgeschäft, der zweimal dicht hinter mir vorbeilief und beide Male seine Hand über meinen Hintern gleiten ließ. Beim ersten Mal war ich – wie bei jenem Silvestervorfall – völlig perplex und dachte: „Vielleicht war es ja nur ein Versehen, vielleicht ist er ja auch nur mit seiner Jacke irgendwie an mir vorbeigestreift…“ Aber beim zweiten Mal musste ich mir selbst eingestehen, dass es kein Zufall gewesen sein konnte. Ich machte irgendeinen Kommentar in halblautem Tonfall und sah ihn wütend an. Er tat so, als hätte er nichts verstanden. Kurze Zeit später verließ er das Geschäft.

Leider ist mir immer erst später bewusst geworden, was gerade passiert war. Es waren alles Situationen, die mich überrumpelt hatten, auf die ich nicht vorbereitet war. Silvester hatte ich doch nur eine nette Plauderei im Sinn. Im Schuhgeschäft hatte ich mir Schuhe im Regal angeguckt. Und plötzlich war ich in einer völlig anderen, unerwarteten Situation gefangen, in der ich nicht sein wollte.

 

Der Verfolger

Als ich Anfang 20 war, war ich nach einer Disconacht in der Oldenburger City gerade mit meiner Freundin auf dem Rückweg zum Auto. Plötzlich, in Höhe der Lambertikirche, lief da dieser Kerl neben mir. „Du gehen Disco?“, fragte der offensichtlich nicht-deutsche, plötzlich Aufgetauchte, „du schön Frau, ich suchen Frau“ oder sowas brabbelte er noch. Ich probierte verschiedene „Techniken“ aus, um ihn loszuwerden.
Zuerst ignorierte ich ihn. Das half nicht.
Dann sprach ich Englisch, um so zu tun, als würde ich ihn nicht verstehen. Er sprach leider auch Englisch.
Dann sprach ich Spanisch mit meiner Freundin, um so zu tun, als sei ich eigentlich Spanierin, die ihn nicht versteht. Er sprach leider auch Spanisch.
Wir liefen weiter, der Typ lief weiterhin neben uns.

Ich glaube, auf der Brücke, die zum großen Parkplatz am Alten Gymnasium Oldenburg führte, wo ich das Auto geparkt hatte, hab ich ihm zum ersten Mal laut und deutlich zu verstehen gegeben, dass er abhauen soll. Aber er lief weiterhin mit. Wir hatten das Auto erreicht. Ich schloss die Tür auf. Was passierte? Der Typ setzte sich hinten in mein Auto rein.

Und da bin ich ausgerastet.

Meine Freundin packte ihn an seiner Jacke und zog ihn wieder aus dem Auto raus. Ich schrie ihn an, er solle sich verpissen. Es war egal, was ich sagte, jedes Wort kam automatisch schreiend aus tiefster Kehle aus mir heraus. Und ich bin froh, dass es so war. Dass ich offensichtlich einen Schalter in mir hatte, der sich – endlich – automatisch umgelegt hatte. „Ich ruf die Polizei!“, schrie ich weiter. Er antwortete genauso ruhig, wie er die ganze Zeit gesprochen hatte: „Nein, keine Polizei.“ „Verpiss dich, sonst fahr ich dich um!“, schrie ich erneut. Gott sei Dank ging er dann.

 

Schreit auf

Ein Problem, das vermutlich gerade wir Frauen tendenziell haben, ist, dass wir erstmal nett bleiben wollen. Gerade, wenn „eigentlich“ noch nichts passiert ist, der Typ uns (noch?) nicht begrapscht oder uns irgendwelche (un-)sichtbaren Schäden zugefügt hat. Die Polizei wegen sexueller Belästigung rufen? Ach, das wäre doch nun wirklich übertrieben…oder nicht?

Ich finde es alles andere als leicht, einzuschätzen, wann ich eine Situation, die mir bis dato noch harmlos erschien, plötzlich als bedrohlich betrachten muss. Wenn ich mir selbst eingestehen muss, dass die Lage gekippt ist. Warum habe ich diesem Typen nicht schon gleich zu Beginn mit lauter Stimme gesagt, dass er weggehen soll? Ihn viel früher angeschrien? Tatsächlich zum Handy gegriffen und die Polizei gerufen?
Vielleicht hatten mir meine Mediations-Erfahrungen von jenem Silvester mit Martin nicht gerade das Gefühl vermittelt, dass solche Vorfälle sexueller Belästigung allzu ernst genommen werden.

Aber genau das darf einfach nicht sein. Wenn das, was diese Frau auf Facebook zu den Vorfällen aus Oldenburg am Samstag in ihrem Kommentar geschrieben hat, stimmt…bitter.

screenshot belästigung

Deshalb: Mädels/Opfer: Schreit auf. Und ein „Nein!“ müsst ihr weder rechtfertigen noch erklären!
Beobachter: Schaut nicht weg. Schreitet ein, schreit auf oder/und ruft die Polizei.
An alle: Bitte gebt dem Opfer nicht das Gefühl, sein Erlebnis sei eine Bagatelle oder es sei gar selbst schuld.

 

Mehr zum Thema sexuelle Belästigung im Blog:

Das Dilemma um #MeToo – sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz (von Claudia)

Aufschrei statt eine Armlänge Abstand (von Bonny)

Der Busengrapscher vom Pferdemarkt (von Bonny)

(Bild: imago)

  • Jule

    Es ist schon schlimm genug, dass wir (egal ob Mann oder Frau) überhaupt einen Aufschrei wagen müssen. Unsere Mütter und Väter, Omas und Opas haben für ein freies Leben gekämpft, ein Leben ohne solche Einschränkungen. Dafür gekämpft, dass Männer und Frauen egal wo uns wann allein unterwegs sein können.
    Was ist passiert, dass unsere Rechte so mit Füssen getreten werden? Das ist doch nicht erst seid dem Flüchtlings-Boom so. Es sind auch nicht nur Ausländer (oder wie man heute so schön sagt: Menschen mit Migrationshintergrund)
    Geht es den Menschen zu gut? Bekommt ihnen die Freiheit nicht?

  • Oldenburger

    Liebe Jule, ganz offensichtlich fehlt ein wenig Info über die Zeit insbesondere der Großeltern. Das, was heute mit dem Aufschrei versehen wird, gab es auch in früheren Zeiten und kam lediglich nicht an die Öffentlichkeit. Das ist schon ein gravierender Unterschied.

    • Jule

      @Oldenburger
      Ganz gewiss fehlt mir nicht die „wichtige Info“. Aber wenn Sie anderer Meinung sind, können Sie es doch bestimmt auch beweisen. Wann und wo gab es solche Übergriffe zu den Zeiten meiner Großeltern? Und ich möchte wirklich Beweise haben und nicht nur Ausflüchte. Posten Sie doch bitte mind. einen Link, damit ich es nachlesen kann!

      • sherlok

        Als ein Beispiel könnte man die Vergewaltigung in der Ehe nehmen. Erst seit 1997 ist diese strafbar.
        Zu den Zeiten meiner Großeltern war es durchaus üblich und toleriert das der Mann die Erfüllung der ehelichen Pflichten seiner Frau erzwingen durfte.
        Ähnlich ist es mit anderen Straftatbeständen zur sexuellen Selbstbestimmung. Das die Frau selbst bestimmt über ihre Sexualität entscheiden soll und darf kam erst recht spät in der Gesellschaft an. Hier hat die viel gescholtene 68er Generation durchaus positives bewirkt.

        • Jule

          @sherlok
          Ja, sicher haben Sie Recht. Vergewaltigung in der Ehe war ein Problem und ist heute eine Straftat!
          Aber darum geht es hier nicht! Es geht um die Fälle, die Claudia schildert! WO gab es dass zu den Zeiten meiner Großeltern und Eltern? Auch wenn es jetzt stur erscheint, dass ich darauf herumreite, aber wenn man irgend etwas in den Raum wirft, sollte man auch Beweise haben!
          Und auf diese Beweise warte ich!

          • sherlok

            Für konkrete Fälle wird man wohl entsprechende alte Gerichtsakten wälzen. Wobei das meiste dessen was Claudia geschildert hat in früheren Zeiten kaum strafbar gewesen ist. Die Vergewaltigung wurde lange Zeit ausschließlich als vaginale Penetration verstanden. Auch wurde in Deutschland erst 1973 das Sexualstrafrecht dahingehend geändert das es sich um Verbrechen gegen die sexuelle Selbstbestimmung der Frau handelte und nicht mehr um Verbrechen wider die Sittlichkeit. Erst ab da wurde (rechtlich) die Frau als Subjekt und nicht mehr als Objekt wahrgenommen.
            Interessant in diesem Zusammenhang ist das Buch: ‚“Frauen in der Geschichte des Rechts: von der frühen Neuzeit bis zur Gegenwart“

          • Steph

            Ja das ist wirklich stur oder am echten Leben vorbei(oder Infos fehlen). In Krankenhäusern passieren solche Übergriffe(Grapschen) doch noch recht oft. Grade von der Generation Männer die über 70 sind kommt es immer wieder mal vor, das „aus Versehen“ der Busen berührt wird. Als Schwester hat man DANN nur die Möglichkeit einen männlichen Kollegen zu dem Patienten zu schicken. Von den Gräueltaten aus den Kriegen(was dann die Grossmütter betrifft) möchte ich hier lieber gar nicht erst berichten. Dafür kann man ja gerne Google fragen

          • Werner Lorenzen-Pranger

            Hallo Jule,
            diese Beweise werden nur schwer zu beschaffen sein. Die Strukturen waren einfach andere als heute. Meine Mutter, heute 94, zum Beispiel ging nach der Schule „in Stellung“, so nannte man in Norddeutschland eine einfache Anstellung zur Ausbildung, bestehend im Wesentlichen aus learning by doing“ in irgendeinem größeren Haushalt. Meist ein Gutshof oder eine ländliche Gastwirtschaft, in der Stadt auch größere Handwerkerhaushalte.
            Eine ältere Frau, die in einer Fernsehsendung nach ihrer Lebensgeschichte gefragt wurde, hatte auch so eine Anstellung als junges Mädchen gehabt Auf die Frage, ob es in solchen Haushalten auch sexuelle Übergriffe durch den Hausherrn gab, antwortete sie wörtlich in schöner norddeutscher Diktion: „Das darf man ja nicht sagen!“
            Sie sehen, der Verdacht liegt nahe, daß es das sehr wohl gab – aber gesprochen über solche Taten wurde „natürlich“ nicht. Aber auch die Sprache, eben die Bezeichnung der Tätigkeit z.B., sagt manchmal mehr, als man ahnen oder wissen möchte, nicht wahr?
            In der Literatur kommt das vor allem, natürlich verdreht, dann in einfachen Komödien vor. Da legt dann, wie Trude Herr das mal so schön sagte, „das Zimmermächen jede Menge Kommerzienräte flach“. Man machte sich also über den Sachverhalt, in dem man das als Karikaturen beschrieb – bei denen aber jeder wußte, was gemeint war – auf seine Weise auch noch lustig.
            Offenbar war die „gute alte Zeit“ wohl auch nicht wirklich immer gut . – schon gar nicht für die, damals annähernd rechtelosen, Frauen.

          • Jule

            Alles richtig! Das gab es auch in Herrschaftshäusern, in der Ehe, vielleicht sogar im Krankenhaus. Aber HIER (oben im Text) und vor allem in sämtlichen Medien, geht es doch um die Gewaltbereitschaft die im Augenblick in Horden stattfindet.
            SO ETWAS gab es damals nicht. DARUM geht es mir. Der User „Oldenburger“ behauptet aber genau das. Deshalb fordere ich Beweise. Es geht hier nicht um die vereinzelnd passierten Übergriffe irgendwelcher Ehemänner (die gibt es auch heute noch, genau wie von Ehefrauen) oder Chefs. Es geht hier um die Vielzahl von Tätern auf einem Haufen. Das Menschen ihre komplette Beherrschung verlieren und sich mit mehreren Personen auf eine stürzen und noch weitermachen, obwohl das Opfer bereits am Boden liegt. DARUM geht es!
            Aber Beweise hat der „Oldenburger“ scheinbar auch nicht. DIE fehlen mir immer noch!

          • Werner Loenzen-Pranger

            An Jule, Antwort auf ihr Statement
            15. Januar 2016

            Glauben sie wirklich, was sie da schreiben? Wo sind die Beweise, ob aus Köln, Hamburg, Bielefeld oder Oldenburg- wo immer sie wollen?
            Bei jedem kleinsten Anlaß sind die Handy-Kameras dabei. Bei all den Vorfällen jetzt gibts keinerlei Dokumente. Nach offiziellen Dokumenten bei der Polizei müssen in Köln zur selben Stunde und Minute am selben Ort, vor einer Haustür eines einzigen Hauses, ca. einundert schwerwiegende sexuelle Übergriffe passiert sein – und es gibt keinen einzigen Zeugen, kein Foto, kein Video-Dokument. Die Anzeigen dazu trudelten zum Teil Tage bis eine Woche und mehr später ein. Seltsam oder? Gewalt, egal welcher Art, läßt sich eben auch wunderbar funktionalisieren – für jedes gerade angesagte Interesse…
            Es ist mehr als ekelhaft, daß tatsächliche Opfer hier zum zweiten mal für ganz andere Zwecke aufs Übelste mißbraucht werden! Auch das gehört leider zu diesem Thema.

        • Jan-Gerd
  • Klaro

    Liebe Claudia,

    sexuelle Belästigungen, Übergriffe und Gewalt gegen Frauen und Kinder wurden vor Köln bagatellisiert und lächerlich gemacht und oft schamvoll oder politisch gewollt verschwiegen. Wir haben es ab den 60er Jahren angeprangert und Sanktionen gefordert und Betroffenen beigestanden. Das Thema ist so alt wie die Menschheit. Aber neu ist, das sich endlich die Politik dafür interessiert und diskutiert. Meine eigenen Erfahrungen fallen mir auch erst seither wieder ein und reichen bis in die Kindheit hinein. Als kleines Mädchen machte ich die Erfahrung, das Männer Hände mir in den Schritt fassten von lieben Onkels, wenn ich nicht weit genug von ihnen stand. Wenn ich es erzählte, sagten Erwachsene, das ich mir das nur ein bildete und darüber schweigen muss. Ich fühlte mich beleidigt und erniedrigt und schwieg und verdrängte es. Ich warnte meine Schwestern nicht. Sprach nie darüber. Schützte dadurch die Onkels, was mir nicht bewusst war. Das war 1956ff. Im Laufe der Jahre erlebte ich unzählige Übergriffe und erlernte verschiedenste Abwehrtechniken. Wir thematisierten, blamieren, demonstrierten, forderten, organisierten und wurden zur Frauenbewegung und wurden verspottet als Emanzen., Lesben, Dummerchen. Wieder sexuelle Gewalt!! Verbale. Politisch gewollte. Das Motto lautet seit Ewigkeiten, schweig über sexuelle Übergriffe und du gehört zu uns oder du thematisiert es und bist persona non grata.

    Dein Aufschrei ist richtig und gut. Er muss sein. Alle sollten aufschreien. Wir müssen aufschreien. Wir wollen gehört werden und unser Recht auf ein freies Leben einfordern. Der Kampf endet nie, denn solange es Sexualität gibt, gibt es Übergriffige, die in ihre Schranken gewiesen werden müssen. Unser eigenes Verhalten müssen wir auch kritisch hinterfragen. Schlüpfriges kann bekanntermaßen auch Spass machen, wenn es gewollt ist, aber auch nur dann.

    Aber ich werde meine Erlebnisse nicht in Einzelheiten zum Aufgeilen der Massen und für dusselige TVFilme oder Krimis hergeben.

  • sherlok

    @jule: reicht dir das was im zweiten Weltkrieg und danach passiert ist aus? Reicht es dir als Beleg wie die deutschen Soldaten im zweiten Weltkrieg agiert haben und wie es vielen Vertriebenen ergangen ist?
    http://www.vertriebene-frauen.de/text/Kap03-04vergewalt.htm
    http://www.zeit.de/zeit-geschichte/2015/01/vergewaltigung-soldaten-besatzungszone-hilfe

    • Jule

      Ist jetzt Krieg? HIER in Deutschland…
      Ich finde diese Fälle aus dem Zusammenhang gerissen. Und es ist wenig hilfreich, alles mögliche an den Haaren herbeizuziehen nur um sich irgend welche Argumente zurecht zulegen. Es geht hier nur um die jetzige Situation. So etwas gab es nicht. Schon allein der „Ton“ (auch hier in den Foren), so ging man nicht miteinander um. Respektlosigkeit, Oberflächlichkeit und Egoismus…das hätte das Land nicht aus der Krise geführt, in der wir nach dem Krieg steckten. Der wirtschaftliche Aufschwung nach dem Krieg wäre nicht möglich gewesen, wenn die heutige Moral geherrscht hätte. Was ist falsch an dem Leben heute? Mir kommt es vor, als ob den Menschen langweilig ist, sie sind der Freiheit und dem Frieden überdrüssig, sonst würde nicht eine solche Gewalt herrschen, nicht solch ein Ton.

      • Werner Lorenzen-Pranger

        Werte Jule, sie irren sich gründlich. Ja, es gab „früher“ einen anderen Umgangston. Der war nicht besser als der heute, er war einfach nur viel verlogener. Ich ging in den 50-ern in die Schule – und drei Viertel meiner Lehrer, wenn man die überhaupt so nennen will, waren Päderasten und Alt-Nazis von der „Heimatfront“, die ihren Frust über den verlorenen Krieg an uns Schülern ausließen. So bekam unsereiner im Unterricht nackte Hintern der Mitschüler taglich mehrfach geboten. Erst wurde draufgeschlagen, dann wurden „Streicheleinheiten“ verabreicht. Ganz offen, vor der gesamten Klasse – und, bis auf einige „übliche Verdächtige“, die immer dabei waren, kam jeder mal dran.. Hilfe bekam man damals weder vom Elternhaus noch sonstwo her. „Zu Hause“ hieß es dann nur, du wirst schon wissen, was du wieder angestellt hast.
        Es gibt so eine Internet-Seite, auf der sich ehemalige Schüler wiederfinden sollen. Da finden man auch hier und da solche Beschreibungen. Leider ist das Thema aber vielen bis heute peinlich, auch wenn sie selbst als Schüler natürlich nichts davon verschuldet haben.
        Haben sie die Vorwürfe gegenüber dem leitenden Personal bei den „Regensburger Domspatzen“ gelesen? Es gab hunderte (700 ?) Fälle von Übergriffigkeiten, die auch sexuell motiviert waren.
        Verhütung gabs kaum, und so weiß ich von einer Frau, die zwei, so weit bekannt, gesunde Säuglinge als Folge des Ehebruchs (vermutlich mit einem Polen, also auch noch einem „Ausländer“) in einem Knick am Feldrand „beerdigte“. Verbuddelte wäre wohl treffender. Die Frau lebt nicht mehr, deswegen kann ich das hier schreiben, der Name ist mir aber bekannt.
        Auf Familienfeiern gabs „lustige Auftritte“ irgendwelcher Verwandter, meist im auf links gewendeten Mantel als Kostüm, die die übelsten Zoten am laufenden Meter ablieferten und das Benehmen, das sie so in dieser Zeit vermuten, ließ mit steigendem Alkoholpegel immer mehr zu wünschen übrig.
        Frauen hatten kaum Rechte. Erst ab 1957 durften Frauen in Deutschland erstmals ein eigenes Bankkonto errichten, ab ca. 1970 (!) (das genaue Jahr habe ich nicht so schnell ermitteln können) mußten Frauen nicht mehr den Ehemann um Erlaubnis bitten, wenn sie erwerbstätig sein wollten. Vergewaltigung in der Ehe war nicht strafbar.
        Ach – „googeln“ sie doch mal selbst.
        Nochmal, sozusagen zum mitschreiben: Die „gute alte Zeit“ gabs nicht – und „früher“ war gar nichts besser – es war nur vieles anders und manches schlicht sehr viel brutaler. Man drohte nicht, man schlug, in jeder Beziehung, zu.

        • Jule

          All das, was Sie beschreiben ist mir klar. Auch die Mißbrauchsfälle der katholischen Kirche und u. a. in der Odenwaldschule oder in „Kinder-Erholungsheimen“. Ich weiß was Sie meinen. Aber dennoch gab es nicht die Gewalt, die jetzt herrscht. Das blinde Prügeln in der Öffentlichkeit, selbst wenn das Opfer auf dem Boden liegt. Die Übergriffe auf offener Strasse, von der wir heute Tag für Tag lesen (sicher liegt es auch an den Medien, dass wir heute mehr mitbekommen, was „anderswo“ passiert). Wenn es früher eine „Massenkeilerei“ auf dem Schützenfest gab, dann war sie nicht so brutal wie heute. Es gab Einzelfälle aber heute ist es die Ausnahme, wenn es bei Schlägen bleibt. Auch die Gewalt unter Frauen (früher wurde an den Haaren gerissen, es gab ein blaues Auge und die Krallen wurden ausgefahren) hat eine Brutalität erreicht, die man früher ausschließlich bei Männer kannte. Waren früher Frauen Opfer, sind sie heute brutalste Täter und das sind keine Einzelfälle. Nach Fussballspielen hat man sich auch früher schon mal geprügelt…heute geht es nicht unter mehreren Hundertschaften.
          Ich habe das Gefühl, dass hier keiner wirklich verstehen will und deshalb lasse ich es nun gut sein. Tut mir einen Gefallen und macht doch mal die Augen auf, seht was wirklich JETZT passiert!

          • Werner Lorenzen-Pranger

            Gegen total verklärende, also die Realität vollkommen ausblendende, Nostalgie kommt vermutlich auch niemand an. Politisch und im Rahmen gesellschaftlicher Prozesse finde ich so eine Verkitschung und Verharmlosung der Vergangeheit sehr bedenklich. Gnade uns Gott, all die „Gidas“ und „AfD“-Spinner brächten uns zu solchen verkorksten und perversen Zuständen zurück.

          • sherlok

            Sie haben einen sehr verklärten Blick auf die Vergangenheit. Einfach mal in entsprechende Untersuchungen reinschauen wie z.B. http://www.dguv.de/medien/inhalt/zahlen/documents/Gewalt_an_Schulen.pdf
            Generell kann man festhalten das unsere Gesellschaft immer weniger Gewalttätig wird. Damit einher geht ein auseinanderklaffenden der gefühlten und der tatsächlichen Kriminalitätsentwicklung. Dazu kann man mal im Buch „Von Lichtgestalten und Dunkelmännern: Wie die Medien über Gewalt berichten“ ein bischen nachlesen.
            Da heute immer weniger passiert, wird das wenige das passiert durch die Medien immer stärker und immer übergreifender berichtet. Wenn früher eine Kneipenschlägerei mit mehreren Verletzten maximal eine lokale Schlagzeile war (wenn überhaupt) wird heute darüber bundesweit in aller Ausführlichkeit berichtet.
            Wer noch ältere weibliche Verwandte hat, kann die ja mal befragen wie es früher so auf Schützenfesten u.ä. Veranstaltungen zu gegangen ist. Davon wurde fast nie in den Zeitungen berichtet, da es einfach niemanden interessiert hat, wenn die Magd von zig Männern angetatscht und begrabscht wurde. Die jungen Leuten mussten sich halt die Hörner abstoßen wie es verharmlosend hies.

  • Heuínz Duden

    Hallo Herr Lorenzen-Pranger. Omen est nomen. Sie sollten die Fehler in Köln nicht durch die Fehler in der Vergangenheit klären. Ich habe mit Verwandten diskutiert, die meinten: „Vergewaltigen, das machen Deutsche doch auch!“ Klar das sind nun aber ZWEI Vergewaltigungen zu viel. Und erzählen sie einer Frau, die von einem Migranten belästigt wurde, dass es ja auch ein Deutscher hätte sein können. Ich glaube das ist dann egal. Zwei Mal Schande oder? Wer mit unserer Kultur, und da gehören emazipierte Frauen dazu, nicht umgehen kann, den MUSS man ganz schnell nach Hause schicken, wo seine Frauen in Kartoffelsäcken mit Sehschlitzen herumlaufen. Bitte erklären sie einen Fehler nicht mit einem Fehler in der Vergangenheit. Es sind in der Summe zwei Fehler, aber Scheißargumente.

  • Mocca

    „Leider“ muss ich Jule recht geben bzw. beipflichten. Nur auf Früher zu verweisen, bringt uns alle nicht weiter. Harte Zeiten bedingen harte Maßnahmen, sonst läuft die Sache aus dem Ruder. Nur um hier eines klar zu stellen: “ Mir ist es egal woher der Täter kommt, Arschlöcher gibt es überall. Nur brauche ich zu den hier ansässigen, nicht noch mehr Arschlöcher.“
    Die Würde des Menschen ist unantastbar. Und wer dagegen verstößt, hat seine Würde selbst verloren. Wer(!) auch immer. Denn die Würde eines Opfers muss immer höher zu stellen sein, als die des Täters. Der Täter braucht kein Täter zu sein. Aber das Opfer hat diese Wahl nicht.