Bonny gerät auf Hochzeitsmesse ins Kreuzverhör

Ich stehe am Abgrund – und wenn nicht bald was passiert, bin ich ein gefallenes Mädchen.

So jedenfalls klang es, als ich mich letztens auf der Hochzeitsmesse in Oldenburg mit einem angehenden Bräutigam unterhielt. Bonny auf der Hochzeitsmesse – wie kann das denn sein?, fragt sich jetzt vielleicht die ein oder andere. Ist die nicht nach einem kurzen romantischen Intermezzo wieder solo? Und wurde sie nicht auf die ganz derbe Tour abgesägt von ihrem Möchtegern-Mr.-Big? Ja, ihr habt Recht, freiwillig habe ich mich nicht ins Epizentrum der Romantik gestürzt.

Aber mein Blogger-Kollege, der Gastrokritiker GustOL, brauchte eine weibliche Begleitung für eine höchst investigative Recherche. 😉 Er wollte einen Blog über Hochzeits-Menüs schreiben und sich gemeinsam mit seiner „Angetrauten“ auf der Oldenburger Messe ein perfektes Festmahl empfehlen lassen. Mal wieder eine super Idee, fand ich! (Seitdem denkt das Blogger-Universum übrigens, wir wären ein Paar, aber das nur am Rande, wir passen ja gar nicht zusammen…!)

Während GustOL an einem Hochzeitstorten-Stand in eine Fachsimpelei verwickelt war, gönnte ich mir an einem Stehtisch einen Kaffee. Meine Freude über die Verschnaufpause währte aber nur kurz: Ein Typ gesellte sich zu mir, der mindestens fünf Jahre weniger auf dem Buckel hatte als ich. Während seine Liebste – eine kleine, hübsche Blondine – Hochzeitskleider anprobierte, war er zu einem Plauderstündchen aufgelegt – das sich allerdings zu einer Predigt entwickelte.

„Moin, ich bin der Steffen. Und wann ist es bei dir soweit?“

Ich lachte. „Höchstwahrscheinlich nie!“

Schockiert schaute er mich an.

„Ich bin nur zum Spaß hier“, sagte ich fröhlich. „Bonny mein Name.“

„Aber du hast einen Freund?“

„Nö“, antwortete ich und fragte mich schon, was das hier werden sollte. Ein letztes, kurzes Intermezzo vor der Hochzeit? Dazu wäre der Ort allerdings äußerst unpassend gewählt. Nein, der gute Steffen wollte mich nicht abschleppen – ganz im Gegenteil: Er wollte mich auf den Pfad der Tugend bringen.

„Himmel, Arsch und Zwirn“, entwich es ihm. „Wie alt bist du?“

„31.“

„Und hast keinen Freund! Keine Kinder!“ Steffen war entsetzt. „Ist das für eine Frau in deinem Alter nicht der Weltuntergang?“

Ein Fünkchen Wut stieg in mir auf. Was fiel diesem Fremden eigentlich ein, sich so über mein Leben zu erheben? Aber der Steffen war einfach zu lieb und zu unschuldig, um ihm ernsthaft böse zu sein. „Es gibt Schlimmeres im Leben“, sagte ich, und in Gedanken rauschten die letzten Katastrophen im Zeitraffer an mir vorbei.

„Aber du willst schon einen Mann haben?“, bohrte Steffen weiter.

„Na klar.“

„Dann musst du das mal in die Hand nehmen! Heutzutage wartet kein Märchenprinz auf dich. Männer wollen abgeholt werden.“

„Abgeholt?“, fragte ich erstaunt. „Wo denn?“ Ich hatte schon viele Männer abgeholt, meistens im betrunkenen Zustand von irgendwelchen Partys oder auch mal aus der Ausnüchterungszelle. Beim besten Willen konnte ich mir nicht vorstellen, wo man Männer abholen konnte, um mit ihnen zusammenzubleiben.

„Ja, du musst die Initiative ergreifen“, sagte Steffen.

„Ach so.“ Ich verstand. „Alles schon versucht. Aber daneben gegangen.“

Steffen nickte. Er hatte für alles eine Erklärung, als hätte er als Wanderprediger schon reihenweise Singlefrauen den Weg in eine geordnete Beziehung gewiesen. „Waren sie etwa erschrocken, wenn du sie angesprochen hast.“ Ich nickte. „Dann waren es die falschen.“ So einfach war das in Steffens Leben.

„Aber du solltest heiraten und mindestens drei Kinder kriegen!“ Steffen blieb hartnäckig.

„Ist halt nicht so leicht.“

„So schwierig ist es aber auch nicht.“ Er echauffierte sich jetzt richtig, als würde ihm wirklich was an mir liegen. „Aber du – du lebst dein Singleleben so vor dich hin! Tolle Wurst. Echt ey! Das geht doch so nicht. Man muss doch immer versuchen, das Beste aus seinem Leben zu machen!“ Sinnentleert starrte Steffen auf die weiße Wand an Hochzeitskleidern, als würde er denken: Hier hängt ein Traum in Weiß neben dem anderen, und du stures Stück verschmähst sie alle.

„Ich genieße mein Leben doch, nur eben allein“, antworte ich und lächelte ihn an. „Das heißt ja nicht, dass ich einsam bin.“ Ich wollte ihn beruhigen, aber Steffen schüttelte verzweifelt den Kopf. Er hatte schon einen Sohn mit seiner Leni und wollte sie jetzt unbedingt heiraten. „Ich find dich echt super“, sagte er trotz meiner Sturheit. „Leider bin ich ja schon vergeben, ansonsten hätte ich es echt bei dir versucht.“ Ich grinste. „Nee, nee. Ist schon gut. Die Leni ist die Beste! Wenn du auch mal einen Ratschlag haben willst: Die solltest du um alles in der Welt festhalten.“ Ich zwinkerte ihm zu. „Betrüg sie bloß nicht!“, schob ich in leicht bedrohlichem, aber scherzhaftem Ton hinterher. So unverschämt der Steffen auch war, er war ein Herzchen. „So eine Schönheit findest du nicht noch mal.“

Schließlich kam GustOL von seinem Streifzug der Gaumenfreuden zurück. Steffen und ich verabschiedeten uns, im Guten. „Lass es krachen auf deiner Hochzeit“, wünschte ich ihm. Er grinste. „Vielleicht schick ich dir noch ’ne Einladung.“  „Wer war denn das?“, fragte GustOL. „Ach, der wollte ein bisschen plaudern“, sagte ich. „Über was denn?“ Ich hatte keine Lust, das Gespräch zu wiederholen: „Nichts Besonderes. Trump, das Wetter, so dies und das.“

Nein, ich wollte jetzt wirklich nicht erzählen, dass ich gerade einen Kämpfer der Armada der vergebenen Männer getroffen hatte. Einen dieser Typen, die immer mal wieder aus dem Nichts auftauchen und es sich anscheinend zur Aufgabe gemacht haben, die vermeintlich Unglücklichen vorm Fallen zu bewahren. Singlesein stellen sie sich wie ein Vakuum vor. Sie verstehen nicht, wie man „allein“ durch die Weltgeschichte gondeln kann und setzen einen mit ihrem ewigen Staunen unter Druck. Sie haben mir schon öfters schonungslos vor Augen geführt, welche Lücke in meinem Leben klafft. Warum sie das machen? Aus Überzeugung. Aus Großherzigkeit. Aber vielleicht auch, um sich selbst daran zu erinnern, dass ihr offenbar strotzendes Glück nicht selbstverständlich ist.

Bilder: Imago