Bonny wird zum Objekt der Begierde

Die Kinder sind im Bett und Kalle gießt sich ein weiteres Glas Wein ein. Mit dem Zeigefinger fährt er genüsslich über den Glasrand und schaut mich mit gierigen, nein lüsternen, Blicken an: „Na, dann erzähl mal!“ Auch seine Liebste, meine Freundin Lisa, sitzt aufgeregt da, wie ein Hund, der auf sein Leckerli wartet. Die großen Kugelaugen fallen ihr vor Sensationsgeilheit fast aus dem Kopf. Ich grinse in mich hinein.

So ist es, wenn man bei Freunden eingeladen ist, die seit Jahren verheiratet sind und Kinder haben. Ich finde mein Leben ganz gewöhnlich, mal spannend, mal alltäglich. Wenn ich aber bei meinen Freunden mit Haus und Familie zu Besuch bin, komme ich mir wie eine Abenteuerin, eine verruchte Draufgängerin oder eine unabhängige Femme Fatale vor. Sie gieren geradezu nach Geschichten aus dem Party- und Dating-Leben.

Angefangen hat alles, als die ein oder andere Freundin Nachwuchs bekommen hat. „Himmel, ich bin ja so froh, mal was anderes zu hören als Geschichten über Babyverdauung und nächtliche Schreikrämpfe!“, hieß es – und die Freundinnen hätten mich am liebsten auf meinem Märchentanten-Ohrensessel gefesselt, nur um gebannt einer pikanten Anekdote nach der anderen zu lauschen. Lieblingsthema: alle anderen nächtlichen Aktivitäten, die nichts mit Kindern zu tun hatten.

Spätestens, wenn Kind Nr. zwei auf der Welt ist, gesellen sich auch die Ehemänner dazu, um ein paar Geschichten von Tante Bonny zu  hören. Die Treffen finden aufgrund der familiären Unbeweglichkeit ja meistens im trauten Heim statt und wir können die Väter ja nicht einfach rausschmeißen. Also sperren auch sie die Ohren auf, um in ihrem Brei-und-Windel-Alltag etwas Abwechslung zu erhaschen. Je schmutziger die Details, desto besser. Sie sind ganz Ohr und haben in verworrenen Beziehungsgeschichten sogar ab und zu einen richtig guten Tipp.

Selten bin ich um eine kuriose Geschichte verlegen. Aber mittlerweile frage ich mich schon: Ist das Ehe- und Familienleben das Ende jeglicher wahnwitziger, emotionaler Erlebnisse? Es scheint so. Mit einem Ring am Finger, einem eigenen Haus und Kindern passiert bei einigen Leuten irgendwie gar nichts mehr. Oder erzählen sie nur nichts mehr, weil sie es als so selbstverständlich und zu familiär ansehen? Dafür aber nehmen sie mich als sprudelnden Quell der Veränderung sofort ins Kreuzverhör.

Manchmal schwappt sogar eine gehörige Portion Neid rüber: „Sei froh, dass du noch flexibler bist.“ – „Sei froh, dass du noch mehr Zeit für dich hast.“ – „Sei froh, dass du diesen Familienirrsinn noch nicht an der Backe hast.“ Ich sage dann immer: „Ach, seid ihr froh! So ein bisschen Alltäglichkeit könnte meinem Leben manchmal ganz gut tun.“ Bei mir gibt’s viel Freiheit, aber auch genügend Brennpunkte: Wer schleppt mir schwere Kisten die Treppe rauf? Wer öffnet die Tür, wenn ich arbeite und ein Handwerker im Anmarsch ist? Wer wirft den Krankenschein in den Postkasten, wenn ich schniefend im Bett liege? Die Absagen. Die Umzüge. Die Trennungen. Die ganzen verhunzten Anläufe, Beziehungen zu führen. Die ganzen verkorksten Typen, die sich als Arschlöcher entpuppen. All die Entscheidungen, die man letztendlich mit sich selbst ausmacht.

Ein bisschen mehr Langweile würde ich manchmal begrüßen.

Bilder: Imago