Bonny und die Flirt-Attacken der jungen Männer

Je älter ich werde, desto öfter werde ich von jüngeren Männern angesprochen. Das liegt in der Natur der Sache. Jedesmal aber verfalle ich in einen Zustand der Verdutzung: Zwar bin ich mit knapp über 30 noch ganz gut in Schuss, aber ein paar graue Haare und Lachfalten habe ich schon. Haben die 23-Jährigen in Oldenburg und umzu ihre Brillen nicht auf?

Klar könnte ich jetzt die „Heidi“ machen und ein zehn Jahre jüngeres Schnuckelchen küssen. Schließlich sind sie putzig und riechen frisch, wie schon Ina Müller ihre Schnuckis besang. Und diese verträumt-verliebten Blicke, die sieht man ab 30 nun mal selten!

Stattdessen antworte ich schockiert: „Lass die alte Frau in Ruhe!“ Oder auch: „Kind, weißt du eigentlich, wie alt ich bin?“

Aber das bringt sie bei ihrer Baggerei in Kneipe, Schwimmbad oder Fitnessstudio keineswegs vom Weg ab. Die jungen Pflänzchen sind hartnäckig.

Sie reagieren lustig und locker

Eher belustigt als geschockt reagieren sie auf meine gut gemeinten Warnungen. „Ach echt, du bist über 30? Und was machst du so im Leben?“

„Ich bin Bloggerin.“

„Boah, echt cool! Erzähl mal.“

Ich fühl mich wie im falschen Film, muss aber zugeben: Die jungen Kerle von heute sind echt aufgeschlossen.

Sie servieren der alten Lady einen Drink und lächeln und flirten, was das Zeug hält. Sie haben ja alle Zeit der Welt, sie wollen ja alle Erfahrungen einsammeln, die für sie auf der Straße liegen. Und wenn sie grau und faltig sind – egal!

Vielleicht machen sie sich auch ein bisschen über mich lustig oder sehen die einzige Frau, die hier in ihren Schuhen Socken trägt, als urige Erscheinung. Wie auch immer: Sie sind freundlich, herzlich und liebenswürdig.

Sie fragen einem Löcher in den Bauch

Sie staunen, dass ich nicht verheiratet bin oder Kinder habe. Ob das vielleicht doof für mich sei? Sie hören sich gern die ein oder andere Geschichte aus dem Leben an, das sie vielleicht in zehn Jahren führen werden. Sie wittern die Abenteuer, die auch „im Alter“ noch möglich sind. Sie erzählen wenig über sich, sondern fragen einem lieber Löcher in den Bauch. Es ist mir etwas unangenehm, dass sie mich auf ein Podest stellen.

Sie verfolgen keine Ziele. Darum ist unser Gespräch auch so schwerelos. Sie schmeißen mit Schmeicheleien um sich, als würde es kein Morgen geben. Sie schöpfen aus dem Vollen. Vielleicht wissen sie auch, dass sie sich bei mir dieses Spielchen erlauben können, weil ich es nicht ernst nehme. Warum? Ja, weil ich eben nicht 23 bin und ihre Flirtereien als Annäherungsversuche verstehe. Ich renne ihnen nicht hinterher. Ich bilde mir nichts drauf ein. Als einer mir seine Nummer auf den Bierdeckel schreibt, grinse ich nur amüsiert.

Frauen über 30 in einer Kneipe mit Männern Mitte 20 – das ist eine gute Einrichtung. Die Kerle dürfen sich austoben und die alte Lady wird umgarnt, als wäre sie zarte 17.

 

Bilder: Imago