Bloggerin im Psychostress: Nein, ich bin kein Facebook-Orakel!

Als Bloggerin hänge ich ziemlich viel im Internet ab. Immer öfter aber bin ich auch mal offline oder einfach unsichtbar. Warum?

Es gibt viele traurige und verwirrte Menschen auf dieser Welt. Auch ich zähle mich manchmal zu diesen. Das ist gar nicht der Punkt.

Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass ich auf meinem Profilbild auf einem Sofa sitze, aber einige Menschen denken, sie könnten bei mir all ihren Frust und Kummer abladen. Oder ihre drängenden Lebensfragen loswerden. Sobald sie sehen, dass ich, ihre auserwählte Netz-Psychologin wider Willen, online bin. Auf Facebook und Whatsapp. Das sind jedoch die falschen Medien. Jedenfalls, wenn man sich fremd ist.

Ein Bekannter aus einem alten Job meldete sich kürzlich wieder. Vor sieben Jahren hatten wir uns zum letzten Mal gesehen, uns beiläufig über dies und jenes ausgetauscht. Er hatte gesehen, dass ich ein Foto aus seiner alten Heimat gepostet hatte. Das war der Anlass, um mal wieder nachzufragen, wie es mir geht. Es war ein netter Chat. Der Bekannte ist nach Australien ausgewandert und wollte sich mal wieder an frühere Zeiten erinnern. Das ist der Sinn von Facebook. Soweit, so gut. Aber dabei blieb es nicht.

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Er wollte wissen, was ich arbeite, warum es mich nach Oldenburg verschlagen hat. Er erzählte mir, warum er gegangen war, was aus ihm wurde. Schließlich, ein paar Smalltalks weiter, hatte er sich verliebt, erzählte er mir: in Australien – in eine Deutsche, die dort herumreiste. Sollte er sich darauf einlassen? Sollte er für sie nach Deutschland zurückgehen? Was sollte er zum ersten Date anziehen? Fragen über Fragen, die er mir stellte, die aber eindeutig nicht für meine Ohren bestimmt sein sollten. Denn ich war keine Freundin, keine Vertraute. Ich war für ihn nur ein freundlicher, anonymer Mülleimer, in den er meinte, hineinkippen zu können, was er wollte. Was ich wirklich dazu dachte und fühlte, interessierte ihn nicht die Bohne. Vielleicht hatte ich ja meine eigenen, quälenden Erfahrungen gemacht und die würden jetzt alle wieder hochkommen? Egal – er wollte nur eine möglichst gefällige Antwort auf seine Frage. Ich sollte sein Orakel sein.

Da ich aber auch noch eine Seele habe, antwortete ich nur: „Ich weiß immer sofort, ob ich etwas möchte oder nicht.“ Weil ich wusste, dass er diese (ehrliche!) Antwort am wenigsten hören wollte und damit Ruhe geben würde. Falsch gedacht. Er ließ nicht locker, er wollte eine weibliche Stimme zu seinem Gefühlschaos. Hatte er keine besseren Freundinnen als mich? „Ich glaube, ich bin nicht die richtige Person, um dir damit weiterzuhelfen“, schrieb ich, immer noch höflich. Danach schrieb ich nichts mehr. Denn er ließ nicht ab, mir von seinen Fortschritten mit seiner neuen Flamme zu berichten. Essen gehen, Kino, wie er sie rumgekriegte, zwischendurch immer wieder Phasen der Verwirrung, bis dann mit ihr Schluss war. Aber auch mit uns: Ich sperrte ihn im Chat.

Eine ähnliche Geschichte erlebte ich mit einem Typen vom Stadtfest. Ein Bierchen zusammen getrunken, er macht mich bei Facebook ausfindig. Nett, denke ich. Aber nur für zwei Stunden. Dann schüttet er die ganze Leier über sein verkorkstes, lasterhaftes Leben über mir aus. Zu viele Frauen, zu viele Kinder, zu viele Liebhaberinnen, zu viel Arbeit, zu viel Ärger. Ich sei seine Rettung, ein Engel in der Finsternis. Jaja, alles klar, du bist so ein toller Typ mit sensibler Seele. Auf dich kann man nicht verzichten. Ich „entfreundete“ mich sofort.

Viele Menschen sind sich heute lieber fern als nah, scheint mir. Sie fragen lieber die fremde Frau auf Facebook als den besten Freund um Rat. Oder haben sie gar keine besten Freunde?

Soziale Netzwerke sind flatterhaft – und das ist bisweilen gut so. Einige kritisieren genau das, aber ich finde es okay. Es gibt dort viele tolle Menschen, mit denen ich gerne in Kontakt stehe. Im Positiven. Das ist für mich der Unterschied zwischen dem virtuellen und wahren Leben: Von unseren Facebook-Freunden nehmen wir die guten Momente – die Hochzeit, die Urlaubsreise, die neue Katze – wahr. Für unsere „echten“ Freunde (die sich oft natürlich mit denen auf Facebook überschneiden) aber sind wir auch in den schlechten Phasen da, und zwar nicht per Ferndiagnose, sondern live. Inklusive der wirklich unglücklichen, beschämenden, verzweifelten Momente – die uns noch enger zusammenschweißen. Im virtuellen Leben aber bringen uns diese Gespräche meistens auseinander.

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Bilder: Imago