Claudias Ärger – oder: Die neidische Trulla, die nicht Auto fahren konnte

Wieso ärgere ich mich eigentlich so? Die etwa 30-sekündige Begegnung mit der Trulla liegt nun schon gut fünf Minuten zurück. Das ist es doch nicht wert, dass ich das Ganze immer noch in meinem Kopf durchspiele. Zu welchem Zweck auch?

Vorfahrt genommen

Ich hatte Papa zu einer Kohlfahrt mit seinen ehemaligen Geschäftskollegen gebracht – natürlich in seinem schicken Flitzer, den er sich vor einem Jahr gekauft hat. Nun war ich auf dem Weg zu Mirko, um mit ihm eine kleine Spritztour nach Bad Zwischenahn mit Käffchen und Kuchen zu unternehmen. In einer 30er-Zone bog ich in eine Straße ein, in der meist viele Autos parken. Mir kam ein Wagen entgegen, der einen kurzen Moment später eben genau ein solches Hindernis vor sich hatte: ein parkendes Auto. Doch anstatt zu halten und abzuwarten, bis ich – die ja vorfahrtberechtigt war – vorbeigefahren war, fuhr der Wagen weiter. Ich ärgerte mich, bremste kurz vorher ab und hob in „Was soll das?“-Manier die Hände. Die Autofahrerin glotzte mich an, während sie langsam auf mich (sie war ja auf meiner Spur) zufuhr. Mit heruntergekurbelter Scheibe blieb sie neben mir stehen. Glotzte immer noch. Ich ließ meine Scheibe ebenfalls herunter.

„Was war jetzt?“, fragte sie mich relativ tonlos, fast mit drohendem Unterton. Eine Frau um die 50 aus dem Kreis Oldenburg.

Ich haspelte: „Sie hätten eigentlich… hinter dem roten Wagen warten müssen!“

„Damit Sie hier rasen können oder wie?“

„Wieso rase ich denn?!“ Nun war ich angepisst. „Was fällt Ihnen denn ein?!“

Sie fuhr bereits wieder ein kleines Stückchen an.

„Ja so, wie Sie da hinten um die Ecke gekommen sind.“

In Sekundenbruchteilen spielte ich das vorangegangene Geschehen unter anderem Blickwinkel durch: Frustrierte Frau vom Lande im älteren Kleinwagen sieht protziges Auto und will es dem Schnösel da drin mal richtig zeigen. Unwahrscheinlich, dass sie mit einer Frau in meinem Alter auf dem Fahrersitz gerechnet hat.

„Hier ist 30er Zone, ich bin sicherlich NICHT gerast!“, entgegnete ich empört, „ich hatte Vorfahrt!“

„Muss man denn immer auf sein Recht pochen?“, fuhr die Trulla bedächtig fort und glotzte mich weiterhin mit leeren Augen an, „das ist doch schrecklich.“ Sie fuhr bereits weiter.

„Ich MUSSTE dann ja stehenbleiben, weil Sie sonst in mich reingebrettert wären!“, schob ich noch laut hinterher. Es lag jawohl an jenem, der Vorfahrt hatte, einem anderen die Vorfahrt zu gewähren – und nicht an dem anderen, sich dieses Recht einfach zu nehmen.

Argh

Am meisten ärgerte mich ihre überzeugte Attitüde voller Verachtung: „Wie kannst du nur, es könnte alles so harmonisch sein, und du bist so ein furchtbarer Mensch.“ Und dann ärgerte ich mich, weil ich mich ärgerte. Anstatt mich – wie ich es ja vorher getan hatte – über das schöne Wetter und den bevorstehenden Ausflug mit meinem Liebsten zu freuen. Die Trulla würde ich nie wiedersehen, um ihr etwaige Argumente vorzubringen, die mir jetzt noch in den Sinn kamen. Wieso gelingt es manchen Menschen so viel einfacher, ärgerliche Vorkommnisse so schnell ohne sinnlose Gedankengrübelei abzuhaken, und manchen nicht?

Nun ja. Spätestens, als ich eine Waffel mit heißen Kirschen vor mir stehen hatte, war mein Ärger verflogen.

 

(Bilder: imago)