Claudia am (Tempo-)Limit – oder: Papa hat ein neues Auto

Männer und Autos. Abertausend Bilder und Klischees lassen sich mit diesen beiden Schlagworten erzeugen, sobald man sie nur um Nuancen verändert.

In meinem aktuellen Fall heißen die beiden Nuancen blendend gut gelaunter Papa und flottes, neues Auto. Das wollte er mir nämlich vorführen. Dabei war er in der Zwickmühle: Einerseits widerstrebte es ihm, sein Töchterchen auch mal ans Steuer zu lassen. Ehrlich gesagt hätte ich auch nicht damit gerechnet. Aber andererseits nimmt er mein Angebot, ihn irgendwohin zu kutschieren, immer wieder gerne mal an. Oder er lässt mich fahren, wenn wir zusammen ins Restaurant wollen, damit er was trinken kann. Und für diese Zwecke müsste ich ja wissen, wie sein Auto funktioniert. – In meinen ollen Kleinwagen setzt er sich nämlich nur im Notfall. Schließlich will er auch lieber in seinem schicken Flitzer gesehen werden.

Dass ich eine sichere Autofahrerin bin, seit mehr als zehn Jahren meinen Führerschein habe und noch nie einen Unfall hatte, zählt bei seinen Bedenken natürlich kaum als Argument. Viel zu wenig postfaktisch. Aber dass man in den Augen seiner Eltern auch immer das kleine Kind von einst bleibt – wer kann ihnen das schon übelnehmen.

 

Als mir nun die Kinnlade runtergeklappt war und ich staunend vor dem neuen Auto stand, bekam ich prompt den ersten… „Ratschlag“ von Papa: „Fahr dich damit bloß nich tot!!“ Herrlich. Danke für den Tipp. Da dadurch aber klar war, dass früher oder später ICH hinterm Steuer sitzen würde, erwiderte ich einfach nichts, sondern grinste in mich hinein.

Mir ist es immer am liebsten, ein neues beziehungsweise fremdes Auto zunächst auf einem großen, leeren Parkplatz auszuprobieren.

Bei Männern ist das anders.

Zack – war Papa auch schon auf der Autobahn in Richtung Ammerland.

Nervös registrierte ich, dass er einen Parkplatz ansteuerte. „Ich will jetzt aber nicht auf der Autobahn fahren?!“ „Doch!“ Seufz. Mittlerweile war ich fast schon panisch, weil er unterwegs mehrfach wiederholt hatte: „Vorsicht mit dem Gaspedal!!“ In meinem Kopf hatte sich das Gaspedal zu einer hochempfindlichen Feder entwickelt, welche den Wagen quasi binnen Sekundenbruchteilen von null auf 200 Sachen beschleunigte, wenn ich aus Versehen beim Niesen oder so mal dranstupsen würde.

Es war bereits dunkel, die Straßen allerdings angenehm leer. Ich nahm auf dem Fahrersitz Platz. „Achtung mit dem Gaspedal, fahr dich damit bloß nich tot!!“ Wäre ich nicht so voller Adrenalin ob der vor mir liegenden Fahrt gewesen, hätte ich inzwischen sicherlich damit begonnen, eine imaginäre Strichliste für diese beiden Sätze anzulegen.

Gaaanz zaghaft drückte ich aufs Gaspedal. Und gaaanz langsam rollten wir vorwärts. Es stellte sich heraus: Nichts explodierte oder schoss durch die Decke. Meine Panik war augenblicklich wie weggeblasen.

Endlich hatte ich im Kopf wieder Platz für: „Geil! Ich fahre hier einen richtig schicken Schlitten, und es macht irre viel Spaß! Yieehaaa!“

„Gib mal Gas!“, sagte Papa, just nachdem wir den Parkplatz verlassen hatten. Ich beschleunigte auf 140. In dem Tempo fahre ich üblicherweise auch mit meinem Auto. Allerdings wirkt es bei meinem Wägelchen viel viel mühseliger als bei Papas. Dieser Wagen mit Automatikgetriebe hier glitt wie auf Samtpfoten über den Asphalt. „Drück mal aufs Gas, damit er schaltet!“, insistierte Papa erneut. Also gut: Die Straßen waren frei, kein Tempolimit. Ich gab Gas. 150, 160, 170, 180… Ich fragte mich: Werde ich jetzt zu so einem ,Raser‘, wie ich sie manchmal im Rückspiegel anrauschen sehe, wenn ich auf der Autobahn gerade überhole?

„Ja!“, rief Papa verzückt, als das automatische Schalten des Wagens zu spüren war.

Augenblicklich folgte aber auch ein: „Vorsicht – es könnte Wildwechsel geben!“ AAAAH!

Über Landstraße fuhren wir wieder zurück nach Oldenburg. Es war stockduster. Ich schaltete das Fernlicht ein. Ein Wagen kam uns entgegen, ich schaltete das Fernlicht wieder aus. Wir waren kaum am anderen Fahrzeug vorbei, da folgte auch flugs Papas „Mach das Fernlicht wieder an.“ Ich atmete tief durch. Zum Glück waren wir wieder daheim, ehe meine Endorphine vom Fahren durch die mich langsam wahnsinnig machenden Kommentare abgebaut waren.

Und nun – nun freu ich mich auf meine erste papafreie Fahrt!

 

Übrigens: Welche Erfahrungen Bonny mit ihrem Papa beim Umzug erlebt hat, lest ihr hier.

 

Bilder: imago