Am Abgrund

Es spukt auch heute noch in meinem Kopf herum. Ein denkwürdiges Erlebnis am gestrigen Abend. Nach der Arbeit war ich spätabends – draußen war es schon dunkel und kalt – noch eben zum Supermarkt zum Einkaufen gefahren. Brot, Wasser, Tiefkühl-Pizza, Joghurt – nichts Besonderes. Passend zu meiner Stimmung. Ich war ziemlich erschöpft von dem Tag und ließ mich einfach samt Einkaufswagen durch die Gänge treiben.

Wenn das Leben grad zu allem schweigt
dir noch eine Antwort schuldig bleibt
dir nichts andres zuzurufen scheint als Nein

Zuletzt stand ich vorm Getränkeregal. Da waren gerade Säfte reduziert, die ich vorher noch nie probiert hatte. Während ich so dastand und intensiv die Sorten studierte, mir versuchte, vorzustellen, ob mir wohl eher Holunder-Apfel oder Heimische rote Früchte besser schmecken würde, merkte ich nicht, wie ein Mann geradewegs auf mich zulief. „Bei dem Chaos findet man eh nicht, was man sucht“, riss er mich aus meinen Gedanken. Ich sah ihn kurz an, lachte halbherzig und wandte mich wieder dem Regal zu. Strategie: demonstratives Desinteresse. Ich hatte keine Lust, angequatscht zu werden, keine Lust auf ein Gespräch mit diesem Typen.

Wenn der Sinn von allem sich nicht zeigt
sich tarnt bis zur Unkenntlichkeit
wenn etwas hilft mit Sicherheit, dann Zeit
Es geht vorbei, es geht vorbei

Vom Sehen her kannte ich ihn sogar: Er ist etwa Ende 30 und wohnt in einem der Mehrparteienhäuser in meiner Nähe. Jeder in meinem Haus „kennt“ ihn, weil er immer so laut seine kleinen Kinder anschreit. Nur wegen der Schreierei kenne ich auch die Namen der Kinder: Kim, Justin und Cheyenne. Furchtbar, dieser Umgangston. Ich wusste nicht, ob er mich als mehr-oder-weniger-Nachbarin erkannt oder einfach so angesprochen hatte.

„Sie können wenigstens noch lachen“, kommentierte er. Oh-ooh. Sein Unterton konnte nur bedeuten, dass er nun über irgendetwas jammern wollte. Mist. Kam ich wohl doch nicht drumherum, irgendwas zu sagen. Gefangen in der Situation vorm Saftregal.

Hey, sei nicht so hart zu dir selbst
es ist ok wenn du fällst
auch wenn alles zerbricht
geht es weiter für dich

Dann ging irgendwie alles ganz schnell. Ich hab keine Ahnung, was für eine Blabla-Antwort ich murmelte. Ich weiß nur noch, dass er unmittelbar sowas sagte wie „Die Welt ist ungerecht“, ehe ich erfuhr, dass sein Bruder einen Tag zuvor bei einem Unfall gestorben war. Oh. „Tut mir leid“, sagte ich aufrichtig. Er hatte jetzt meine volle Aufmerksamkeit. Obwohl ich mich dieser Situation gern weiterhin entzogen hätte. Ich kannte diesen Menschen doch gar nicht.

„Vor zwei Jahren ist meine Tochter angefahren worden“, fuhr er fort. Ach ja – davon hatte ich damals aus der Nachbarschaft gehört; ich erinnerte mich an dieses kleine Mädchen, das eine Zeitlang mit einem speziellen Kopfschutz rumlief. Er tischte mir hier also gerade kein Lügenmärchen auf, sondern er hatte das wirklich erlebt. Sein Gesicht verzog sich – verzog sich zu dieser nur schwer mit anzusehenden Grimasse, bevor er zu weinen begann.

Hey, sei nicht so hart zu dir selbst
auch wenn dich gar nichts mehr hält
du brauchst nur weiter zu geh’n
komm nicht auf Scherben zum steh’n

Meine Holunder-Apfel– oder Heimische rote Früchte-Überlegungen waren verflogen. Wie reagiert man in so einer Situation? Behutsam fragte ich ihn, ob er jemanden zum Reden hätte; eine starke Schulter. Insgesamt, glaube ich, war es ihm aber gar nicht so wichtig, ob bzw. was ich sage. „Ich geh’ morgen nicht zur Arbeit“, sagte er mehr zu sich selbst als zu mir, „is’ mir egal.“ Ich nickte bloß.

Wie verzweifelt muss ein Mensch sein, der einer wildfremden Person im Supermarkt sein Herz ausschüttet?

Wie reagiert man auf so ein Ansprechen? Wenn man einerseits die größtmögliche Distanz zu dieser Person wahren möchte, andererseits aber befürchtet: „Wenn ich jetzt falsch reagiere, stürzt er sich womöglich von der nächsten Brücke“? Ich weiß es nicht.

Wenn die Angst dich in die Enge treibt
es fürs Gegenhalten nicht mehr reicht
du es einfach grad nicht besser weißt
dann bleib
es geht vorbei

Einen kurzen Moment später tippte er mir an den Unterarm, sagte zwei-, dreimal sowas wie „Sorry, ich wollt’ dich nich vollquatschen“ und drehte sich auch schon um, um zu gehen. Ich sagte: „Alles gut, kein Problem“ und wünschte ihm alles Gute.

Ich hab’ keine Ahnung, welcher Saft letztlich in meinem Einkaufswagen landete.

 

 

(Bild: imago)