Alles aufgegeben – und nichts verloren

Alles neu macht der März: So ganz nebenbei, als wäre es kaum der Rede wert, erzählte mir eine gute Bekannte letztens von einer ziemlich großen Sache. „Da habe ich noch mal bei Null angefangen“, sagte sie. Mit einem Funkeln in den Augen. Voller Stolz. Sie hatte nach über 30 Jahren als Kindergärtnerin einen neuen Beruf erlernt. Jetzt arbeitet sie als Kfz-Mechatronikerin. „Wow!“, sagte ich. Leute, die mit einem Schlag etwas Neues starten, bewundere ich zutiefst, und diese Bekannte noch ein bisschen mehr: Es machte ihr nichts aus, dass alle mehr wussten als sie, dass alle schneller waren als sie, dass sie nicht wie in ihrem alten Beruf die Expertin war, die alle Fäden in der Hand hatte.

Nein, sie war vorher nicht unzufrieden gewesen. Sie liebte „ihre“ Kinder und die Kollegen, war in ihrer Arbeit aufgegangen. „Aber 30 Jahre im gleichen Job reichen“, sagte sie. Nun liebt sie es, sich in etwas völlig Neues zu stürzen und sich mit Dingen zu beschäftigen, über die sie sich noch nie in ihrem Leben Gedanken gemacht hatte.

Dennoch muss es nicht leicht gewesen sein, diese schwerwiegende Entscheidung zu treffen. Denn ein Zurück gibt es nicht. Was bringt Menschen trotzdem dazu, es zu tun?

Auf einer Reise in den Niederlanden lernte ich eine Deutsche kennen, die nach vielen Jahren ihren gut bezahlten Job bei einer Möbelfirma gekündigt hatte, um ein Praktikum zu machen. Im Zug traf ich mal ein Pärchen aus der Schweiz, das auf Weltreise war. Er hatte das entschieden, in der Zwischenzeit aber sie kennengelernt. Kurzerhand entschied sie mitzukommen. Die beiden wollten so lange reisen, bis sie den perfekten Ort gefunden hatten. Hier in Oldenburg kenne ich ein Rentnerpärchen, das sein ganzes Leben in Rastede verbracht hat und sich nun, im Alter, den Traum vom Stadtleben mit kleiner Wohnung, aber viel Kultur, erfüllt.

Ich glaube, die Gründe für den Aufbruch in ein neues Leben sind verschieden. Da sind die, die sich beweisen wollen. Sie hatten Glück und Erfolg und wollen wissen, ob sie es woanders genauso schaffen: „If you make it there, you make it everywhere.“  Oder sie suchen nach etwas, was sie in ihrem bisherigen Leben noch nicht gefunden haben: die ultimative Herausforderung, den Ort ihrer Träume, das Abenteuer, das sie nie hatten. Die große Liebe, die ihnen in der Heimat nie über den Weg gelaufen ist.

Zum Aufbruch gehört der unbändige Mut, sich auf etwas Fremdes einzulassen. Man weiß nicht, was kommt, aber man will es wie nichts Anderes auf der Welt. Man schaut nach vorne, löst sich gleichzeitig aber von allem Alten. Die Menschen, die ich kennenlernte, flohen nie vor irgendwas. Sie hatten in ihrem alten Leben alles. Sie verloren trotzdem nichts, auch wenn sie alles aufgaben. Schon allein die Veränderung war ein Riesengewinn für sie: „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.“ Das haben sie verstanden. Dieser Zauber treibt sie dazu, in allem, was sie anfangen, wieder neu aufzugehen. Für sie gibt es nicht gut oder schlecht, sondern nur anders.

„Und wie ist es so?“, frage ich meine Bekannte mit dem neuen Job nach ein paar Wochen wieder. „Toll!“ Sie strahlt. „Ich lerne so viel Neues, jeden Tag! Sachen, von denen ich nie gehört habe!“ Ihre Augen funkeln noch immer. Es war also nicht nur so ein Frühlingsgefühl, keine voreilige Entscheidung. „Verdammt cool“, meine ich. „Wenn ich in 20 Jahren auch noch so veränderungslustig wie du bin, dann habe ich alles richtig gemacht!“ Es ist doch schön, sich seine Offenheit und Begeisterungsfähigkeit beizubehalten.

 

Habt ihr schon mal euer altes Leben für einen völligen Neuanfang hinter euch gelassen?

 

Bilder: Imago

  • Bolko Schröder

    Alle Achtung denen, die einen Neuanfang wagen, aber sie sollten bei aller Begeisterung bedenken: sie bleiben immer sie selbst, Vor sich selber davon laufen geht nicht.